Saitenwind – Gottestränen #10

Yuma saß abseits der anderen. Pfarrer Lang hatte ihr einen Platz zugewiesen, von dem aus sie das Gesicht ihres Vaters nicht sehen konnte. Das gab ihr ein wenig Ruhe.
„Herr Sander, ich mache mir schon seit längerer Zeit Sorgen um Ihre Tochter“, begann Lang und warf einen kurzen Blick auf Yuma.
„Dafür besteht kein Grund, ich erziehe das Mädchen streng nach den Worten der Bibel.“
Lang nickte bedächtig. „Genau dort liegt das Problem. Yuma hat, so berichtet mir Herr Roth, keine Freiheiten. Sie diktieren ihr das Leben vor.“
„Ich tue das, was ich für meine Tochter für richtig halte. Sie ist noch ein Kind und kann diese sündige Welt dort draußen nicht einschätzen.“ Es war der Brustton der Überzeugung, mit der Herr Sander seine Worte ausschließlich an den alten Pfarrer richtete.
„Wie auch?“, mischte sich Roth ein. „Yuma hat keine Chance die Welt kennenzulernen, wenn Sie ihr den Blick darauf verwehren.“
Yuma konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Pfarrer Roth hatte ihr erzählt, dass er ein paar Semester Psychologie studiert hatte, bevor er sich dann doch für die Theologie entschied. Aber die Einflüsse waren spürbar. Er wusste genau, wie er mit ihrem Vater zu sprechen hatte, um seinen Willen zu bekommen.
„Was mischen Sie sich ein? Sie haben Yuma zur Sünde verführt. Wegen Ihnen hat Yuma …“
„Endlich mal ein Stück vom Leben gesehen“, wurde er von Pfarrer Lang unterbrochen. „Und außerdem verbitte ich mir Ihren Ton meinem Kollegen gegenüber. Wir sind schließlich alle erwachsene Menschen und können uns dementsprechend unterhalten.“
Eine Ohrfeige hätte keine bessere Wirkung zeigen können. Der alte Respekt, den Herr Sander dem Pfarrer gegenüber hatte, half bei der Diskussion ein ganzes Stück weiter. Yuma hatte sehen könne, wie ihr Vater bei den deutlichen Worten ein wenig zusammengesunken war.
„Yuma befindet sich derzeit am Anfang der Pubertät.“
Sie sah, wie ihr Vater eine abweisende Handbewegung machte und sicher auch zum Widerwort ansetzen wollte, doch Pfarrer Roth sprach in ruhigen Worten weiter.
„Wenn Sie ihr jetzt nicht den nötigen Halt geben und sie nur mit Strenge und dem Glauben erziehen, wird sie es im Leben später sehr schwer haben.“
Herr Sander schüttelte den Kopf. „Ich werde einen guten Ehemann für sie finden, der ein Auge auf sie hat und von allen sündigen Treiben fernhalten wird. Ein Weib braucht schließlich eine feste Hand, die sie führt und wie ich gesehen habe, wird Yuma eine besonders Feste brauchen.“
Pfarrer Lang entglitten sämtliche Gesichtszüge. „Sprechen Sie hier von Zwangsheirat?“
„Ja glauben Sie denn ein Mädchen wie Yuma ist in der Lage sich einen vernünftigen, gottesfürchtigen Ehemann zu suchen?“
„Jetzt habe ich aber genug.“ Pfarrer Lang stand auf, holte etwas aus seiner Tasche und legte es Herrn Sander vor die Nase. „Da werden Sie Yuma hingeben. Ich kenne den dortigen Pfarrer, er wird ein Auge auf sie haben und es gibt außerdem die Möglichkeit, dass sie in Religion ihr Abitur machen kann.“
„Ich werde meine Tochter sicher nicht in die Hände von irgendwelchen Menschen geben, die sie nur auf den falschen Weg führen wollen! Das einzige, wo dieses sündige Weib hingehört, ist ein Kloster und ich werde …“
„Gar nichts wirst du!“
Yuma zuckte zusammen, als ihre Mutter die Stimme erhob.
„Schweig, ich habe dir …“
„Nein, du wirst schweigen. Ich habe endgültig genug von deiner fanatischen Einstellung. Du wirst Yuma auf dieses Internat geben oder ich reiche die Scheidung ein. Und glaube mir, ich werde das Jugendamt dazu bringen, dass mir das alleinige Sorgerecht für Yuma zugesprochen wird.“
Herr Sander verschlug es die Sprache und Yuma musste sich zwingen, ihrer Mutter nicht um den Hals zu fallen. Scheidung. Verlust des Kindes. Yuma wusste genau, was für eine Schande das für ihren Vater in seinen strengen Bibelkreisen darstellte. Er hätte versagt. Sein Frau und das Kind nicht ausreichend unter Kontrolle gehabt.
„Das wagst du nicht.“ Seine Stimme klang heiser, seine so schön aufgebaute Welt zerbrach.
„Und ob ich das wage und du wirst nichts dagegen tun können.“
Yumas Herz schlug wild. Gab es endlich eine Möglichkeit aus dem Teufelskreis auszubrechen? Ihr Vater schwieg noch immer, nahm sich aber den Flyer, der vor ihm auf dem Tisch lag.
Die Zeit zog sich wie Kaugummi. So viel konnte auf dem Zettel doch gar nicht stehen. Yuma knetete ihre Hände, kaute auf ihren Lippen herum, fixierte eine Haarsträhne. Sie wollte gerne das Gesicht ihres Vaters sehen, um die Lage besser einschätzen zu können, aber wenn sie nur daran dachte, aufzustehen schüttelte Pfarrer Lang bereits den Kopf.
„In Ordnung.“
Yuma richtete sich kerzengerade auf.
„Aber ich werde das überwachen.“ Er schob den Stuhl zurück und baute sich vor seiner Tochter auf. „Wenn ich nur eine Kleinigkeit feststelle, dann werde ich dich zurückholen. Kein Kontakt mit Jungs, täglicher Gottesdienst und züchtige Kleidung. Hast du das verstanden?“
Sie nickte. Noch bevor sie wusste, was sie überhaupt erwarten würde. Yuma vertraute ganz auf die beiden Pfarrer.

Yumas Augen leuchteten noch immer, als sie den Flyer zum gefühlten hundertsten Mal las. Ein Internat. Vielleicht 80 km von ihrem jetzigen Wohnort entfernt. Auch wenn ihr Vater sie kontrollieren wollte, mehr Freiheit versprach es auf jeden Fall und sie konnte dort ihr Abitur machen. Solange Pfarrer Lang und Roth sowieso ihre Mutter ihren Vater unter Kontrolle hatten, würde ihr Leben sich in eine bessere Richtung drehen.

Epilog

Yuma stieg aus dem Auto und sah auf das große Backsteingebäude. Die Mittagssonne schien auf sie herab, ein leichter Wind ging durch die üppigen Baumkronen des Waldes, der das Internat umgab. Gemeinsam mit den Schülern der umliegenden drei Dörfern würde sie in den nächsten Jahren unterrichtet werden. Das Internat bot Platz für 75 Jugendliche, die hier bis zum Ende ihrer Schullaufbahn wohnen konnten.
Ein paar Meter von ihr entfernt stieg ein Junge mit kinnlangen, schwarzen Haaren aus dem Auto. Er wirkte schüchtern, aber er sah das Gebäude mit der gleichen Hoffnung an wie sie selbst. Als ihr Vater nicht hinsah, warf sie ihm ein aufmunterndes Lächeln zu. Wenn jemand wusste, dass man Angst und Schüchternheit überwinden konnte, dann sie.

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Saitenwind – Gottestränen #9

Ihre Knie zitterten, als sie die Treppe hinunter ging. Yuma hatte die ganze Nacht nicht schlafen können, zu laut hatten ihrer Eltern sich gestritten. Was sie sich genau an den Kopf geworfen hatten, wusste sie nicht und sie war sich auch nicht sicher, ob sie es wissen wollte.
„Los, beeil dich“, forderte ihr Vater.
Yuma senkte den Blick und folgte ihm. Am liebsten wäre sie sofort wieder ins Bett gegangen und hätte sich die Decke über den Kopf gezogen. Eines der wenigen Worte, die sie verstanden hatte, war Kloster gewesen.
Eine warme Hand legte sich auf ihren Rücken. Ihre Mutter. Trotzdem wagte Yuma es nicht aufzuschauen und versuchte das Haar immer wieder vor das Gesicht zu schütteln. Ob sie in ihrem Zustand auch nur einen Ton herausbekam, wusste sie nicht. Aber sie hoffte sehr, dass ihre Stimme sie nicht im Stich ließ.
Sie wagte einen Blick auf den Rücken ihres Vaters und ihre Verzweiflung schlug für einen kurzen Moment in Wut um. Und in Unverständnis. Warum durfte sie nicht sein, wie normale Mädchen? Warum durfte sie keinen Spaß haben? Lag er falsch oder alle anderen? War ihre Weltauffassung falsch?
Sie betrat die Kirche und setzte sich neben ihre Mutter in die erste Reihe. Es war heute voller als sonst und fast schon glaubte sie, bei ihrem Vater ein zufriedenes Lächeln zu sehen. Nora kam mit dem Rest des Chors durch den Seiteneingang und nickte Yuma zu. Die Leiterin wirkte erleichtert. Als Pfarrer Roth durch die Reihe ging und auf die Kanzel stieg, verstummte das Gemurmel langsam.
„Liebe Gemeinde, ich möchte Sie heute zu einem ganz besonderen Gottesdienst begrüßen. Denn nicht ich werde es sein, der Sie durch diese Stunde geleiten wird. Heute gebe ich meinen Platz an den Chor ab.“
Yuma stand auf, sofort ergriff ihr Vater ihre Hand. „Du wirst hier bleiben“, zischte er.
„Nein. Das ist mein Leben.“ Sie riss sich los und sah die Wut in seinen Augen aufflackern. In der Kirche konnte er ihr keine Szene machen, wenn er nicht zu viel Aufmerksamkeit erregen wollte. Er wusste genau, wie die meisten anderen über ihn dachten und Yuma war sich sicher, dass die meisten hier auf ihrer Seite standen.
„Alles in Ordnung?“, flüsterte Annika.
„Frag mich das später.“
Nora stieg auf die Kanzel und begann die Geschichte rund um Deloris Van Cartier, die, um ihr Leben zu schützen, zu Schwester Mary Clarence werden musste. Die Mädchen gingen in der Zeit in Position. Yuma wurde schwindlig, als sie ganzen Menschen in der Kirche sah.
Ich muss einen Punkt fixieren und dann auf keinen Fall in die Menge schauen.
„Und jetzt gebe ich das Wort weiter an die Mädchen meines Chores. Wir beginnen mit Hail Holy Queen.“
Yuma atmete tief durch und ließ ihre Stimme mit den anderen erklingen. Sie sah nicht zu ihrem Vater, schloss sogar die Augen, um sich ganz auf den Gesang zu konzentrieren und je näher sie ihren Solopart kam, desto aufgeregter wurde sie.
Als der erste Teil abgeschlossen war und Nora ein Zeichen für das Musik-Play-back gab, schlug Yuma das Herz bis zum Hals. Sie wollte nicht zu ihren Eltern sehen, doch ihr Blick wanderte von allein zu ihnen. Ihre Mutter lächelte sie an und drückte beide Daumen ganz fest. Ihr Vater schäumte über seine Hilflosigkeit vor Wut. Sie würde die Hölle auf Erden erleben und der Weg ins Kloster war ihr bereits gewiss. Warum sollte Yuma sich jetzt noch zurückhalten, wenn sie doch nichts mehr zu verlieren hatte.
Sie genoss die Wut ihres Vaters. Wie er da saß, die steife Haltung und das ballen der Fäuste, als sie ihren Solopart sang. Für diesen Moment hatte sie die Oberhand. Er konnte nichts machen und es tat so wahnsinnig gut.
Bei dem zweiten Song, in dem sie einen Solopart hatte, kam sie mehr denn je aus sich heraus. Sie sah, dass es den Menschen dort unten gefiel. Yuma kam zu Nora nach vorne, richtete sich sogar an die Gemeinde. Das singen hatte ihr Selbstvertrauen gegeben. Sie konnte etwas. Sie stand im positiven Mittelpunkt. Man achtete sie für das, was sie war.
Doch kaum war der Chor fertig und Pfarrer Roth übernahm wieder das Wort, kehrten all ihre Zweifel zurück. Stumm setzte sie sich neben ihren Vater. Der warf ihr einen vernichtenden Blick zu.
„Das wird Konsequenzen haben, das schwöre ich dir.“
„Liebe Gemeinde, ich dank dem Chor für diese wunderbare Begleitung durch diesen Gottesdienst und möchte Sie hiermit verabschieden. Gott sei mit Ihnen.“
Sofort brach ein Gemurmel aus. Jacken wurden angezogen, die Mädchen des Chors noch einmal gelobt. Pfarrer Roth stieg von der Kanzel herab und ging zu Yuma.
„Du hast sehr gut gesungen. Ein Mädchen mit vielen Talenten.“
Sie lächelte. „Ich danke Ihnen.“
„Talent?“, schnaubte ihr Vater.
Der Pfarrer nickte. „Sie hat eine sehr gute Stimme und wenn man bedenkt, wie sehr sie sich in nur wenigen Wochen gesteigert hat, dann …“
„Jetzt ist es aber genug!“ Die barschen Worte hallten in der Kirche so laut, dass sich die letzten Verbliebenen umdrehten. „Sie haben mich hintergangen. Sie haben meine Tochter zur Sünde verführt. Ich hatte ihr verboten weiter in diesen Chor zu gehen, nachdem sie deswegen die Abendmesse verpasst hat.“ Er drehte sich zu seiner Frau um. „Du hast ihn verständigt, nicht wahr? Ihr steckt doch alle unter einer Decke!“
„Ja, das habe ich. Weil ich nicht mehr mit ansehen konnte, wie du das Leben unserer Tochter zerstörst“, sagte Frau Sander ruhig.
„Das ist doch wohl die Höhe!“
„Herr Sander! Dies ist ein Haus Gottes. Ich muss Sie doch wohl hoffentlich nicht daran erinnern, dass hier nicht herumgeschrien werden sollte.“
Yumas Augen weiteten sich. „Pfarrer Lang …“
„Ich denke, wir können alle in Ruhe miteinander sprechen. Kommen Sie bitte alle mit mir.“

Saitenwind – Gottestränen #8

„Ist das wirklich für mich?“, fragte Yuma mit großen, leuchtenden Augen.
Ihre Mutter nickte und schob ihre Tochter Richtung Treppe. „Los, anziehen!“
Yuma schloss die Tür hinter sich und warf einen zweiten Blick in die Tüte, die ihr ihre Mutter gegeben hatte. Als Erstes holte sie eine leicht ausgestellte weiße Jeans heraus. Das zweite Teil war ein langes bordeauxrotes Shirt mit Trompetenärmeln. Mit zitternden Händen zog Yuma die Sachen an, betrachtete sich erst einmal in der Spiegelung im Fenster und sah immer wieder an sich herunter. Ihre Wangen fingen an zu glühen. Es war das erste Mal, dass sie etwas Figurbetontes trug und sie gefiel sich. Endlich etwas anderes als die knielangen Röcke in grau und beige mit irgendwelchen Blusen, die ihrer Oma hätten gehören können.
„Yuma! Bist du fertig?“, kam es von unten.
„Ja!“
Frau Sander stand unten an der Treppe und nickte zufrieden. „Ich wusste schon immer, dass ich eine verdammt hübsche Tochter habe“, sagte sie.
Yuma konnte nicht anders, sie rannte die Stufen herunter, sprang ihrer Mutter in die Arme und drückte sie fest an sich. „Danke, Mama. Vielen Dank.“
„Gerne, meine Kleine und denk daran, Punkt 10 musst du wieder hier sein“, sagte sie ihre Mutter eindringlich und Yuma nickte.
„Ich werde da sein. Versprochen.“ Sie ging zur Tür, schaute noch einmal in den Spiegel und zwinkerte sich selbst zu.
„Yuma?“
Sie sah sich noch einmal zu ihrer Mutter um, die lächelnd in der Küchentür stand. „Viel Spaß, meine Süße.“
Yuma strahlte. „Danke, den werde ich haben!“ Dann machte sie sich auf den Weg zu Annikas Geburtstagsfeier. Herr Sander hatte ein Treffen mit einem seiner Bibelkreise und würde erst um Mitternacht zurück sein. Mit einem breiten Grinsen ging sie durch die Straßen. Es war das erste Mal, dass sie auf eine Party gehen konnte und sie würde es genießen.
„Wow! Yuma, bist du das?“ Annika musterte sie mit großen Augen.
„Sieht so aus.“
„Los, komm rein. Wir haben gerade angefangen, Singstar zu spielen. Das ist auf jeden Fall was für dich.“ Sie nahm ihre Freundin an die Hand und führte sie ins Wohnzimmer, wo bereits zwei andere Mädchen aus ihrer Klasse saßen. „Darf ich vorstellen, die neue Yuma.“
Die beiden drehten sich um.
„Cool! Ich hätte dich auf der Straße gar nicht erkannt.“
„Du solltest deine Haare öfter offen tragen!“
Yuma lächelte verlegen. Komplimente für ihr Aussehen war sie absolut nicht gewöhnt. „Ich werde mal sehen.“

Sie fühlte sich gut. Yuma glaubte das erste Mal richtig zu leben. Vollkommen entspannt spielte sie mit den anderen Singstar und zeigte, wie kräftig ihre Stimme sein konnte. Sogar Annikas Bruder Felix hatte ein anerkennendes Lächeln für sie übrig, als er kurz bei den Mädchen reinschaute, um dann in sein Zimmer zu verschwinden.
Um neun klingelte es an der Tür.
„Erwartest du noch jemanden?“, wollte Yuma wissen.
Annika zuckte mit den Schultern. „Eigentlich nicht. Zu laut waren wir auch nicht, die Nachbarn können es also nicht sein.“ Sie stand auf und ging in den Flur.
„Herr Sander?“
Yuma erstarrte. Das konnte nicht sein. Wenn Annika ihr einen Streich spielen wollte, war das absolut nicht lustig.
„Wo ist meine Tochter?“, donnerte die Stimme ihres Vaters bis ins Wohnzimmer. In einer mechanischen Bewegung erhob sie sich vom Boden. Im gleichen Moment stürmte Herr Sander ins Wohnzimmer. Er blieb an der Tür stehen, betrachtete die Szene, die sich ihm bot. Chips und Cola auf dem Tisch. Über den Bildschirm liefen noch die stumm geschalteten Karaoke Texte.
Yuma sah ihrem Vater an, dass in diesem Zimmer gleich die Hölle ausbrechen würde. Eine gespenstische Stille hatte sich über sie gelegt.
„Vater …“, Sie nahm all ihren Mut zusammen. „Bitte, nicht hier“, flehte sie, ohne wirklich einen Laut über ihre Lippen zu bekommen.
Am Ende des Flures ging die Tür von Felix Zimmer auf.
„Was fällt dir ein, mich so zu hintergehen?“ Herr Sanders Kopf lief rot an.
Sie schwieg. Yumas Welt, die noch so brüchig und erst wenige Tage alt war, zerbrach in tausend Scherben. Sie zwang sich an die glücklichen Momente in den letzten Wochen zu denken, auch wenn sich ein Kloß in ihrem Hals bildete.
„Und wie siehst du überhaupt aus?“ Er packte ihren Oberarm und wollte sie mit sich ziehen.
„Lassen Sie sofort Yuma los“, mischte sich Annika ein. Im gleichen Moment kam auch Felix dazu und versuchte sich zwischen Yuma und ihren Vater zu drängen. Doch statt seinen Griff zu lockern, bohrten sich seine Finger nur noch weiter in ihren Muskel.
„Vater, das tut weh.“ Tränen sammelten sich in ihren Augen. Mehr aus Verzweiflung als vor Schmerz.
Felix griff nach Herrn Sanders Hand. „Los lassen. Sofort.“
„Ich lasse mir nicht von irgendeinem verdorbenen Jugendlichen sagen, was ich zu tun habe!“
Die beiden anderen Mädchen waren nun auch aufgestanden und standen hinter Yuma.
„Wir haben nur meinen Geburtstag gefeiert, ich sehe da überhaupt kein Problem“, sagte Annika, für Temperament erstaunlich ruhig.
„Kein Problem?“ Er warf noch einmal einen Blick auf den Tisch. „Ihr verführt meine Tochter zur Sünde und das soll kein Problem sein. Yuma, du kommst mit.“
„Zur Sünde?“ Annika zog eine Augenbraue hoch.
„Es ist gut“, sagte Yuma leise. „Ich komme mit.“
„Das kann doch nicht dein Ernst sein!“, protestierte Annika.
„Felix, es ist in Ordnung. Bitte, lass ihn los.“
„Nein, das ist es nicht.“
„Doch und danke … Für alles.“ Mit gesenktem Kopf ging sie voraus.

„Was hast du dir dabei gedacht?“ Die Haustür war kaum ins Schloss gefallen, da hatte Herr Sander auch schon seine Stimme erhoben.
„Ich wollte auch mal ein normales Mädchen sein.“ Yuma wusste, dass sie schon verloren hatte. Gegen ihren Vater würde sie nicht ankommen. Aber ihr gewonnenes Selbstwertgefühl machte es ihr unmöglich, jetzt klein beizugeben.
„Normales Mädchen? Eine von diesen rauchenden und saufenden Jugendlichen?“
„Es hat weder jemand geraucht, noch haben wir Alkohol getrunken.“
„Noch nicht! Es reicht ja schon, wie du rumläufst.“
„Wie läuft sie denn rum?“ Frau Sander kam aus der Küche und legte eine Hand auf die Schulter ihrer Tochter. Die Unterstützung tat gut, aber sie wollte ihre Mutter da raus halten.
„Wie eine Dirne!“
Frau Sanders Augen blitzten „Jetzt reicht es aber! Was fällt dir ein, deine eigene Tochter als Prostituierte zu bezeichnen?“
„Weil sie auf einem Weg dort hin ist!“
Yumas Blick wanderte zwischen ihren Eltern hin und her. Bisher hatte ihre Mutter immer geschwiegen. Jetzt fing sie plötzlich an zu lachen. „Du spinnst doch. Nur weil sie mal etwas trägt, was zeigt, dass sie ein hübsches Mädchen ist und nur damit du weißt, die Sachen hat sie von mir.“
Herr Sander verschränkte die Arme. „Das hätte ich mir denken können. Dass du …“
„Stop. Yuma, geh auf dein Zimmer.“
„Mama …“
„Sofort.“
Sie schluckte und gehorchte. Auf der halben Treppe brüllte ihr Vater ihr hinterher. „Du wirst die Sachen ausziehen und an die Tür hängen, hast du verstanden?“
Yuma antwortete nicht. Tränen erstickten ihre Stimme. Sie rannte die Stufen rauf und drückte in ihrem Bett das Gesicht ins Kissen. Was hatte sie verbrochen? Sie wollte doch nur ein normales Leben.
Sie hörte die lauten Stimmen ihrer Eltern, hielt sich die Ohren zu. Verzweifelt versuchte sie an die schönen Momente des Abends denken. Aber es gelang ihr nicht.