Saitenwind – Gedankenspiralen #11

Musik. Manuel lag auf Bett. Wie lange konnte er nicht sagen. Es war inzwischen dunkel geworden. Das Handy hatte er ausgestellt. Janine hatte mehrmals versucht ihn anzurufen und mit jedem Klingeln, war wieder dieses Ziehen in seinem Herzen gewesen. Manuel ertrug es nicht.
Die Konferenz war in zwei Tagen und er rechnete fest mit einem Schulverweis. Die Zeichen standen gegen ihn. Aber er würde sich wehren. Mehr als die Schlägerei würde er nicht auf seine Kappe nehmen.
Kurz nach Mitternacht stand er auf und öffnete das Fenster. Kaum hatte er sich seine Zigarette angezündet klopfte es an der Tür und seine Mutter kam ohne eine Aufforderung herein.
„Du bist noch nicht 18“, sagte sie und setzte sich auf das Bett.
„Seit wann interessiert es dich?“ Er sah wieder aus dem Fenster in die sternenklare Nacht.
„Du bist mein Sohn.“
„Habe ich die letzten 15 Jahre nicht viel von gemerkt.“ Er blies den Rauch in die Dunkelheit. „Hast du Angst, die Nachbarn könnten was sehen? Die wissen es schon längst.“
„Ich weiß auch, dass du seit einem Jahr rauchst, denkst du ich rieche das nicht?“
Langsam drehte er sich um. Überrascht stellte er fest, dass sie ihren strengen Dutt geöffnet hatte und ihr hüftlanges Haar offen trug. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er sie das letzte Mal so gesehen hatte. In einem lockeren T-Shirt und einer kurzen Hose. Ohne Schuhe. Ohne Socken.
„Und warum willst du mir erst heute nen Aufstand machen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Deswegen bin ich nicht hier.“ Sie deutete neben sich. „Komm bitte zu mir.“
Er drückte die Zigarette an den Dachziegeln aus und setzte sich.
Sie nahm seine Hände und begutachtete die schorfigen Stellen. „Ich glaube dir.“
„Was?“
„Dass du Janine nicht angemacht hast.“
„Damit stehst du aber ziemlich allein.“
„Mag sein. Ich wollte trotzdem, dass du es weißt.“
„Weiß Papa davon?“
„Dass ich hier bin?“
„Ja.“
„Nein. Er ist noch mal in die Firma gefahren. Ein Partner aus Amerika kam kurzfristig und das muss bis heute früh erledigt werden.“
Die warme Hand seiner Mutter lag noch immer auf seiner. Ohne den dämlichen Business Aufzug wirkte sie so viel jünger. Gar nicht mehr wie Anfang 40, eher wie Ende zwanzig.
„Ich habe mich erschrocken, als ich dich vorhin gesehen habe.“
Manuel konnte nicht anders als zu lächeln. „So schlimm war es jetzt auch nicht.“
„Als der Rektor angerufen hat und uns sagte, dass du in eine Schlägerei verwickelt warst, war mein erster Gedanke, dass dir hoffentlich nichts passiert ist.“
„Ist es doch auch nicht.“
Manuel zuckte zusammen, als seine Mutter plötzlich nach seinen Haaren griff und die Dreads zwischen den Fingerspitzen befühlte. „Die fühlen sich ja fast weich an.“ Sie zog die Hand zurück. Wieder musterte sie ihren Sohn. „Machst du sie mal auf?“
Er nahm das Zopfgummi heraus.
„Du hast mich ganz schön erschrocken. Aber jetzt muss ich sagen, dass es dir steht.“
„Wirklich?“
Sie nickte. „Mein erster Freund hatte damals auch welche. Wir haben uns in Frankreich kennengelernt. Er könnte kein deutsch und ich kein französisch, aber es hat sofort zwischen uns gefunkt. Meine Eltern fanden ihn schrecklich.“ Frau Bechthold lachte leise.
„Oma und Opa waren also schon immer die totalen Langweiler. Wie lange wart ihr zusammen?“
„Fast ein Jahr, wir haben uns nach den Urlaub Briefe geschrieben und dabei jedes Wort aus dem Wörterbuch rausgesucht.“
„Und warum hast du jetzt Papa und nicht ihn?“
„Die Entfernung war einfach zu groß, aber manchmal schreiben wir uns noch Mails. Ganz vergessen kann ich ihn nicht. Du bist ihm sehr ähnlich von deiner Art her.“
Manuel lehnte sich zurück. „Was sagt Papa dazu? Also, dass ihr immer noch Kontakt habt?“
„Er weiß es nicht.“
„Und du hast keine Angst, dass ich ihm etwas sagen würde?“
„Nein.“
„Weißt du schon, was er plant? Hab ich ne Chance auf Sibirien oder gleich der Nordpol?“
„Wir haben nach einem Internat für dich geschaut. Ich denke, dass ich eines gefunden habe, auf dem du dich wohlfühlen wirst. Dein Vater war dagegen, aber ich habe mich durchgesetzt.“ Sie holte einen Ausdruck aus der Hosentasche. „Schau mal.“
Manuel überflog es nur schnell. Auf dem Internat selbst wohnten nur 60 Schüler, die anderen kamen aus den Dörfern der Umgebung. Die nächste größere Stadt konnte mit einem Bus erreicht werden, und wenn es die Eltern wollten, konnte man bis zum Abitur dort bleiben.
„Dein Vater wollte dich auf ein Internat schicken, wo sie hauptsächlich schwer erziehbare Jugendliche haben.“
„Wie hast du ihn davon abgehalten?“
Sie zwinkerte ihm zu. „Dass wir von dort aus nur noch mehr gestört werden, weil die Lehrer in einem engen Kontakt mit den Eltern arbeiten. Bitte versprich mir dich dort zu bemühen. Ich erwarte keine besonderen Leistungen, ein 3er Schnitt reicht völlig aus.“ Frau Bechthold stand auf und blieb an der Tür stehen. „Ich war dir nie eine gute Mutter. Ich eigne mich einfach nicht dafür.“ Sie legte die Hand auf die Klinke.
„Mama?“
Sie drehte sich noch einmal um.
„Meinst du nicht, dass du es lernen kannst?“
Frau Bechthold lächelte sanft. „Glaubst du es denn?“
Er zuckte mit den Schultern. „Der Anfang war gar nicht so schlecht.“
Sie öffnete die Tür. „Danke, ich werde es zumindest versuchen.“
„Du solltest deine Haare öfter offen lassen. Das sieht viel besser aus, als dieser Dutt.“
Ob sie das noch gehört hatte, wusste er nicht. Manuel ließ sich auf seinem Bett zurückfallen. Warum hatte es erst so weit kommen müssen, bis sie sich zumindest einmal normal unterhalten konnten?

Advertisements

Saitenwind – Gedankenspiralen #10

Janine dachte wie er. Und es tat verdammt gut das zu wissen. Sie waren an den kleinen Fluss gegangen und hatten dort gesessen, bis es wieder anfing zu regnen. Dann hatte sie beschlossen zurück zu gehen. Manuel hatte ihr seine Jacke gegeben, als er sah, dass sich ihre Härchen vor Kälte aufstellten.
„Verdammt, das ist das Auto von meinen Eltern.“ Janine zeigte auf den schwarzen Wagen in der Einfahrt. „Das gefällt mir nicht.“
Manuel auch nicht. Wieder schloss sich ihre Hand um Seine.
Frau Bechthold öffnete den beiden die Tür. Sie musterte ihren Sohn, kam dann noch etwas näher. „Tut dir etwas weh?“, flüsterte sie und war das wirklich ein Hauch von Sorgen in ihren Augen?
Er schüttelte den Kopf und sein Herz machte einen Sprung. Wie lange hatte er darauf gewartet?
„Wie lange dauert das denn?“ Sein Vater kam in den Flur. Sah zuerst zu seiner Frau, dann auf seinen Sohn. „Fang bloß nicht an, Mitleid mit ihm zu haben. Der braucht eine Tracht Prügel, nicht mehr.“
Janine drückte Manuels Hand. Er warf ihr einen beruhigenden Blick zu. An ihrer offensichtlichen Nervosität änderte das nichts.
Sie betraten das Wohnzimmer, sofort sprangen Janines Eltern auf und rissen sie von Manuel weg. Sie wehrte sich, aber der festen Umarmung ihrer Mutter konnte sie nicht entkommen. Manuel fühlte Eifersucht in sich aufflammen.
„Alles in Ordnung mit dir, meine Kleine? Wir haben uns solche Sorgen gemacht, als dein Lehrer uns angerufen hat.“
„Es geht mir gut.“ Endlich befreite sie sich aus dem Griff. „Was hat er euch gesagt?“
Wieder wurde Janine von ihrer Mutter an sich gezogen, während ihr Vater Manuel fixierte. Seine Augenbrauen waren zusammengezogen, Zornesfalten lagen ihm auf der Stirn. Damit war für Manuel alles klar.
„Ich habe sie nicht angemacht“, sagte er ruhig.
Janines Vater packte die Hand seiner Tochter. Sie schüttelte ihr Haar aus dem Gesicht, um einen freien Blick auf ihren Vater zu haben. „Florian wollte ein Bild von mir auf Facebook stellen. Sein Freund hat mich festgehalten. Manuel hat mir geholfen, indem er dazwischen ging. Die beiden haben mich schon seit Monaten auf dem Kicker.“
„Und warum bist du nicht zu uns gekommen?“
Janine schnitt eine Grimasse. „Als ob euch das interessiert hätte“, schnaubte sie. „Solange meine Noten gut sind, war es euch doch egal.“
„Janine! Nicht in diesem Ton.“
Ihre Augen verengten sich. „Was ist los? Passt es euch nicht, dass ich vor anderen nicht die glückliche Familie spiele?“
„Ich muss mich für meinen Sohn entschuldigen“, kam es von Herrn Bechthold. „Hätte ich gewusst, dass er so einen schlechten Einfluss auf Janine hat, hätte ich Sie nie angesprochen, ob Ihre Tochter ihm Nachhilfe geben würde.“
„Ich fasse es ja nicht! Sie tun ja, als wäre Manuel der Teufel persönlich. Er hat mir zweimal gegen diese Typen geholfen, sich dabei verletzt und wird jetzt als der Böse hingestellt? Was soll das?“
„Schon gut.“
„Nein, ist es nicht!“ Janine drehte sich zu Manuel um. „Nimm das nicht alles so hin.“
„Du siehst doch, dass du auch gegen eine Wand reden kannst und die würde mehr nachgeben.“
„Wehr dich endlich“, forderte sie.
„Ein Unfall hat sich nicht zu wehren.“
„Jetzt reicht es aber“, fuhr ihm sein Vater dazwischen.
Manuel funkelte ihn an. „Wo liegt dein Problem? Nur weil ihr zu dämlich wart, ein Kondom zu benutzen, habt ihr mich jetzt am Hals und es geht euch auf die Nerven.“ Er sah die Hand seines Vaters zittern. „Na los, schlag doch zu. Ich habe keine Angst davor. Eine Ohrfeige mehr oder weniger macht da auch nichts.“
Provokation bis zum Äußersten. Er hatte es bisher nie in Anwesenheit anderer gemacht. Aber nach Janines Vortritt würde er sich wie ein Verräter vorkommen, wenn er jetzt den Mund hielt und plötzlich stand sie neben ihm. Nahm seine Hand. Er drückte sie.
„Ihr seid echt das Letzte“, raunte Janine und sah zwischen ihren und Manuels Eltern hin und her. „Alle.“
„Jetzt habe ich aber endgültig genug. Du kommst sofort mit nach Hause und zu Manuel wirst du keinen weiteren Kontakt zu haben, bevor er dich ganz verdirbt.“
Manuel drückte ihre Hand fester. Keine Angriffsfläche bedeutete, weniger verletzlich zu sein. Er musste sich eingestehen, dass er sich durchaus zu ihr hingezogen fühlte, aber es würde sie nur in Schwierigkeiten bringen. Sie beide und er ahnte, dass es für Janine schlimmer sein würde, als für ihn.
„Er hat mich nicht …“
„Geh.“ Es war so einfach.
„Das kannst du doch nicht ernst meinen?“
„Doch.“ Und es tat so unendlich weh. „Es ist besser für dich.“
Sie versuchte ihm in die Augen zu schauen. Er wusste, dass es ihm das Herz brechen würde den Blick anzunehmen, aber wenn er sie überzeugen wollte, dann hatte er keine andere Wahl. „Nein, es ist für dich einfacher.“
„Ich will nicht, dass du verletzt wirst und wenn wir so weiter machen, wirst du es. Du bist ein verdammt hübsches Mädchen, intelligent und selbstbewusst. Ich bringe dich nur in Schwierigkeiten. Geh, bitte.“ Woher kamen diese Worte? Es waren nicht die, die er hatte sagen wollen. Sein Plan war es gewesen sie fertig zu machen. So zu tun, als wäre sie nichts weiter als ein Spiel gewesen. Stattdessen hatte sein Herz die Kontrolle übernommen.
Janines Vater zog sie weg. Sie ließ seine Hand los.
„Hast du schon mal überlegt, dass wir die Schwierigkeiten hätten überstehen können?“ Sie wurde in den Flur gedrängt. „Hast du mal daran gedacht, dass ich dich mögen könnte?“
„Wir werden eine Möglichkeit finden.“ Herr Bechthold ging mit Janines Familie zur Tür. „Sie werden keinen Kontakt mehr haben. Ich hoffe das beste für Ihre Tochter.
Die Haustür fiel ins Schloss.
Manuel ging zur Treppe.
„Du bleibst hier“, donnerte sein Vater.
Er blieb auf der ersten Stufe stehen. „Was willst du noch?“
„Komm hier her.“ Sein Vater zeigte neben sich auf den Fußboden.
„Musst du jetzt Macht zeigen?“ Er grinste. „Dein Ego muss ja eben echt gelitten haben.“
Herr Bechthold packte seinen Sohn an den Oberarmen. Als Manuel versuchte seinen Blick abzuwenden, griff sein Vater in seine Haare und zog seinen Kopf zurück. „Das wird bittere Konsequenzen für dich haben, verlass dich drauf.“
„Ach ja? Wie denn?“
„Das wirst du noch sehen.“
„Ich bin gespannt. Wie wäre es mit einem Straflager in Sibirien?“ Warum hatte er eigentlich bei dem Blick seines Vaters das Gefühl, das dies nicht Mal so abwegig war? „Dann wäre dein verkommender Sohn wenigstens so weit weg, dass du dich nicht ständig für ihn schämen müsstest.“
„Glaube ja nicht, dass du mir auf der Nase herumtanzen kannst.“ Herr Bechthold verstärkte den Griff an Manuels Haaren, dass es ihm unangenehm an der Kopfhaut zog. Herausfordernd sah er seinen Vater an. „Wieso? Die letzten Jahre hat es doch gut geklappt.“
„Du gehst jetzt sofort auf dein Zimmer.“
Er wurde losgelassen und folgte dem Befehl. Auf der halben Treppe blieb Manuel noch einmal stehen und drehte sich um. „Dass dir eins klar ist, ich habe Janine weggestoßen, weil ich ihr es nicht antun kann, das hier alles mitzuerleben. Nicht für dich.“

Saitenwind – Gedankenspiralen #9

Im Lehrerzimmer kam sofort Manuels Mathelehrer zu ihm. „Was ist passiert?“
„Der Typ wollte von Janine ein Foto machen und ins Internet stellen.“
Der Lehrer sah an Manuel herunter. Erst jetzt, als er dem Blick von Herrn Brauer folgte, fing er an etwas zu spüren. Seine Ellenbogen waren offen, die Lippe aufgeplatzt und wann seine Fingerknöchel zu bluten begonnen hatten, wusste Manuel auch nicht mehr.
„Steckst du nicht schon genug in Problemen? Musstest du dich jetzt auch noch prügeln?“
„Manuel, Florian kommt bitte mit mir.“ Die Lehrerin, die an der Hofaufsicht beteiligt war, hatte den Rektor geholt und zeigte auf den kleinen Raum, der sich noch hinter dem Lehrerzimmer befand.
„Ich werde auch mitkommen. Manuel wird ab dem nächsten Schuljahr in meine Klasse gehen. Ich möchte wissen, wen ich mir da zu mir hole.“
Der Rektor wies die beiden Jungs an, sich an den Tisch zu setzen. Florian hatte ein Eispack bekommen, dass er sich auf die Nase hielt. „Ich will wissen, was mit euch los war.“
„Er ist auf mich losgegangen, als ich mich mit Janine unterhalten habe.“
Das war ja wohl die Höhe! „Unterhalten? Du wolltest ein Bild von ihr ins Internet stellen!“
„Manuel, ruhe jetzt. Lass Florian ausreden.“
Der Typ warf ihm einen gehässigen Blick zu, als der Rektor etwas aufschrieb. „Er macht sich schon seit ein paar Wochen an sie ran, aber sie will ihn nicht. Der ist total eifersüchtig gewesen, hat gesagt ich soll meine Finger von ihr lassen.“
„Ich habe Janine nicht angemacht!“
„Und weswegen hast du ihr dann heute Morgen was ins Ohr geflüstert? Außerdem hat sie sich erschrocken, als du sie noch mal angeschaut hast.“
„Ich habe ihr gesagt, sie soll sich aus meinen Angelegenheiten raushalten.“ Er sah zum Rektor. „Sie können Janine gerne fragen.“
Florian schnaubte abwertend. „Sie hat Angst vor ihm.“
„Das ist nicht wahr.“
„Sie hat es mir gesagt. Er schüchtert sie ein. Seine Eltern stehen in der Firma über ihren und …“
Manuel sprang auf und schlug auf den Tisch. „Überleg dir gut, was du jetzt sagst.“
Herr Breuer legte Manuel die Hand auf die Schulter. „Ganz ruhig.“
„Nein. Man kann mir ja einiges nachsagen, aber dass ich so eine miese Masche aufziehe, sicher nicht.“
„Komm runter, du reitest dich nur noch weiter rein.“
Manuel funkelte Florian noch einmal an, bevor er sich hinsetzte. Herr Brauer hatte recht, aber er wollte das auf keinen Fall auf sich sitzen lassen. „Für die Schlägerei stehe ich gerade. Die habe ich angefangen.“
Herr Brauer vergrub sein Gesicht in den Händen. Der Rektor sah zwischen Manuel und Florian hin und her. Manuel wusste, dass er im Moment nicht die beste Position hatte. Er hatte in diesem Schuljahr geschwänzt, etliche Arbeiten abgegeben ohne etwas zu schreiben und wahrscheinlich waren seine Dreads jetzt auch nicht förderlich. „Wir werden eine Konferenz abhalten. Manuel, du hast zugegeben, dass du die Schlägerei angefangen hast. Bis zur Konferenz wirst du zu Hause bleiben.“
Er nahm es hin. Wollte aufstehen, als Herr Brauer sich zu Wort meldete. „Finden Sie das nicht etwas übertrieben? Wir hatten schon andere Schlägereien und bisher wurde niemand deswegen sofort der Schule suspendiert.“
„Er hat seine Gewaltbereitschaft eben deutlich gezeigt und dies ist eine ordentliche Schule.“
„Bringen Sie sich nicht wegen mir in Schwierigkeiten.“ Manuel ging zur Tür.
Vor dem Lehrerzimmer wartete Janine auf ihn. „Was haben sie gesagt? Bekommst du eine Strafe.“
„Ich bin suspendiert, bis zur Konferenz.“
„Was? Du wolltest mir doch nur helfen.“
Herr Brauer trat hinter Manuel. „Ich fahre dich nach Hause.“
„Den Weg finde ich auch allein.“
„Der Rektor hat bei deinen Eltern angerufen. Ich denke, dass es besser ist.“
„Nein, ist es nicht. Ich gehe allein.“

Manuel hatte das Schulgrundstück noch keine zwanzig Meter hinter sich gebracht, als er Schritte hinter sich hörte. Er drehte sich um. „Janine, geh zurück. Sonst geben sie mir die Schuld, dass du schwänzt.“
„Herr Brauer hat mir gesagt, was im Lehrerzimmer los war. Ich werde dich nicht allein gehen lassen. Nicht nachdem was ich bei euch zuhause gesehen habe.“
Sie sahen sich fest in die Augen. Janine wich seinem Blick mit keinem Zentimeter.
„Du hattest recht. Deine Eltern wollten mich auch, damit ich ihnen erzähle, was du in der Schule tust. Sie haben mir gesagt, dass du ein fauler Nichtsnutz bist und man bei dir nur mit Druck weiterkommt. Ich kannte dich bis dahin nur aus der Schule und habe dich für einen arroganten Arsch gehalten.“
„Ich fasse das Kompliment auf.“
„Deine Eltern haben die Gitarre zerbrochen, nicht wahr?“
„Mein Vater, als er begriffen hat, dass ich sitzen bleibe, weil ich auf die Mathearbeit nur zur Kenntnis genommen geschrieben habe.“
„Ich habe Angst, dass er das Gleiche mit dir tut.“
Manuel zuckte mit den Schultern. „Eine Ohrfeige hab ich schon kassiert. Auf eine mehr oder weniger kommt es nicht an.“
„Wenn das jetzt der Versuch war, mich davon abzuhalten mit dir zu gehen, ist es gescheitert.“ Sie nahm seine Hand, strich über die leicht schorfigen Stellen seiner Fingerknöchel. „Ich gehe mit und keine weitere Diskussion.“
Sie wollte ihn mit sich ziehen, aber Manuel blieb wie ein Fels in der Brandung stehen. „Warum machst du das?“
„Du hast mir schon zweimal geholfen. Es wird Zeit, dass ich dir etwas zurückgebe.“
Wusste sie überhaupt, worauf sie sich einließ? Sie mochte ihn vielleicht vorübergehend vor dem Zorn seiner Eltern schützen, aber sie würde irgendwann nach Hause müssen.

In der Einfahrt standen bereits beide Autos. Er würde also die volle Wucht abbekommen. Noch einmal blieb er stehen und sah Janine fest in die Augen. „Bitte, geh nach Hause. Da drinnen wird gleich die Hölle los sein.“
„Ich will die Hölle löschen.“
„Red keinen Mist. Das kannst du nicht und vielleicht hat es auch für deine Eltern negative Auswirkungen. Das …“
„Ich hasse dieses Denken“, zischte sie. „Immer dieses achten, wie man rüberkommt, nur weil die Eltern irgendwelche tollen Manager sind. Das ist so ein dämlicher Scheiß, ich kann es nicht mehr hören.“
Ihre Wut entlockte Manuel ein Lächeln. „Na, benutzt ein braves Mädchen solche Ausdrücke?“
„Noch so ein Kommentar dieser Art und du kannst dir auch nen Eispack holen! Ich hab keinen Bock mehr auf den ganzen Zirkus. Ständig haben wir irgendeinen wichtigen Besuch aus der Firma und ich soll immer das Vorzeigekind spielen. Da hab ich einfach keine Lust mehr drauf. Du bist verdammt bekannt unter den ganzen Mitarbeitern. Weil alle wissen, dass deine Eltern echte Probleme mit dir haben. Ganz ehrlich, ich fand das cool.“
Manuel zog eine Augenbraue hoch. „Ach?“
„Ich kannte dich doch nur aus der Schule von Weitem. Du hast immer so lässig gewirkt, hattest einen Blick als könnte dich die ganze Welt am …“
„Böses Mädchen. So was sagt man nicht.“
Sie grinste. „Sagt wer?“
„Unsere Eltern.“
„Seit wann interessiert dich das?“
Er musste lachen. „Hast recht.“
„Gehen wir jetzt?“
„Willst du wirklich da rein?“
„Wenn du gehst.“
„Eigentlich habe ich grade keine Lust darauf.“ Gentelmanlike bot er ihr seinen Arm an. „Wir können auch gerne woanders hingehen.“
Sie hakte sich ein. „Hast du eine Idee?“
„Ja.“