Nennt mich Miyamoto – Kapitel 19

Nathaniel hob den Kopf. Eine afrikanische Frau kam auf ihn zu. Ihr Haar war bis auf wenige Zentimeter herunter geschoren und sie trug eine schwarze Jacke mit etlichen Taschen und eine Hose, wie Nathaniel sie nur aus dem Militär kannte.
„Wir haben ein halbes Jahr nach diesem Labor gesucht und du findest es in einer Nacht.“ Sie betrachtete das brennende Haus hinter ihm. „Und vernichtest es auch noch. Wenn auch nicht ganz so, wie wir uns das vorgestellt hatten.“
„Nath hat noch nie halbe Sachen gemacht.“ Liam trat an die Seite der Frau. Auch er trug Klamotten, die eher für den Kampfeinsatz von Marines als für die Straße gedacht waren. Und er sprach mit einem russischen Akzent.


„Liam?“
Sein Kumpel reichte ihm die Hand und er ließ sich auf die Beine ziehen. „Wir sollten uns um deine Freundin kümmern.“
„Ja, nehmen wir sie mit zu uns.“ Die Frau hob Jill hoch, als würde sie nichts wiegen.
„Bist du dir sicher?“, fragte Liam. Neben ihr wirkte er plötzlich gar nicht mehr so Vin Diesel mäßig, sondern eher wie ein William Rieker, der seinen Captain den Rücken stärkte. „Bei Nath bin ich mir sicher, aber ist sie nicht ein Sicherheitsrisiko?“
Verwirrt sah Nathaniel zwischen den beiden hin und her.
„Nein. Nicht nachdem, was unsere Nachforschungen ergeben haben.“ Sie wandte sich an Nathaniel. „Würdest du uns begleiten, es wäre gut für Jill, wenn sie aufwacht und dich in ihrer Nähe hat.“
„Ja.“ Er sah zurück auf das brennende Haus. Was blieb ihm auch anderes übrig?
Gemeinsam stiegen sie in einen schwarzen Transporter, der wenige Meter vor dem Haus stand. Die Unbekannte setzte sich ans Steuer und Liam kletterte mit Nathaniel und Jill auf die Ladefläche.
Liam schaltete die Taschenlampe seines Handys ein, denn geplant, dass hier hinten jemand saß, hatte der Hersteller wohl nicht. Sitze gab es nicht. Fenster ebenso nicht. Nathaniel lehnte gegen die Wand und bettete Jills Kopf auf seinem Schoß.
Er hatte so viele Fragen. Aber sein Kopf war noch nicht soweit irgendetwas zu tun, außer das, was in den letzten Stunden passiert war zu ordnen.
Seine Eltern hatten ihn betäubt. Er war sich sicher, dass es nicht das erste Mal gewesen war. Schon öfter hatte er abends eine fast schon lähmende Müdigkeit gehabt, aber er war nie mit so einem Echo aufgewacht. Im Gegenteil, er hatte sich danach immer gut erholt gefühlt. Waren sie dann immer dort unten im Labor gewesen?
Er hatte kaum verstanden, was sie da genau gemacht hatten. Sicher, er hatte schon einmal etwas von der Bluterkrankheit in Geschichte gehört und wusste, dass sie schon ganze Adelsfamilien ausgerottet hatte, aber was das mit Jill zu tun haben sollte, wollte gerade nicht in seinen Kopf. Er fragte sich, ob es das jetzt überhaupt noch musste. Das Labor war Geschichte.
Ich habe sie getötet. Einfach so. Ich habe auf meinen eigenen Vater geschossen. Und ich spüre keine Reue und auch keine Genugtuung. Ich spüre gar nichts.
Er sah zu der schlafenden Jill und musste an die schwarzen Säcke in dem Raum denken. Waren darin ihre Eltern gewesen?
Es erscheint mit einfach richtig, was ich getan habe. Nur darf es das? Darf ein Mord richtig sein? Wäre ein Prozess nicht besser gewesen und sie hätten eine Strafe bekommen? Die Möglichkeit den Schmerz zu spüren für das, was sie getan haben.
Nathaniel schloss die Augen und erinnerte sich daran, dass seine Mutter ihm eine Waffe an den Kopf gehalten hatte. Nur ihre Nervosität hatte sie davon abgehalten, vielleicht auch ihre Muttergene. Er wusste es nicht. Sein Vater hätte abgedrückt. Da war er sich sicher.
Es war richtig.
Er öffnete die Augen.
Es war richtig, was ich getan habe. Sie hätten keine Rücksicht auf mich genommen und sie hätten es nie bereut. Wahrscheinlich hätten sie den Richter noch bestochen.
Die Fahrt wurde holpriger. Es fühlte sich an, als fuhren sie über einen Feldweg. Wie lange hatte Nathaniel seinen Gedanken hinterher gehangen? Er wusste gar nicht, wo hier der nächste Feldweg war. Dann hielt der Transporter und die hintere Tür wurde geöffnet.
„Hallo Nath, es ist schön, dich wieder zu sehen.“
„Mary?“
Sie strahlte ihn an und nickte. „Ja, ein Geist bin ich sicher nicht.“
Er nahm Jill auf den Arm und stieg von der Ladefläche. Mary wieder zu sehen war nur ein Vorgeschmack dessen, was ihn zum Staunen bringen sollte.
Sie standen in einer Höhle. Auch sie schien künstlich geschaffen zu sein, aber nicht mit modernen Mitteln. An den Wänden konnte Nathaniel deutlich die Spuren von Spitzhacken erkennen.
„Ann, gehst du mit Nathaniel bitte in das Krankenzimmer. Seiner Freundin scheint eine Menge Blut abgezapft worden zu sein“, sagte die Frau.
„Machen wir. Komm mit.“
„Ach ja.“
Mary drehte sich noch einmal zu der Afrikanerin um. „Würdest du ihn bitte ein wenig aufklären. Ich muss mit Sergej noch etwas besprechen.“
„Sicher doch.“
Die Höhle war mit Kabinen in unterschiedliche Bereiche abgeteilt. Zwischen ihnen waren Gänge wie in einem Labyrinth und Nathaniel hoffte sehr, dass Mary ihn später wieder herausführte, sonst musste er hier sicher einen qualvollen Hungertod sterben.
„Warum hat sie dich Ann genannt?“
„Mary ist nur mein Name für draußen. Ann ist mein Geburtsname, aber den soll in der Öffentlichkeit niemand wissen.“
„Ist das bei Liam auch so?“
„Ja. Er wird sicher nichts dagegen haben, wenn du ihn weiter so nennst und ich werde für dich auch gerne Mary bleiben.“
„Das wäre schön, zumindest eine Konstante.“
Mary lachte und blieb dann vor einem Raum stehen. An der Tür war ein rotes Kreuz. „Schade, dass ich das Labor deiner Eltern nicht sehen konnte.“
Nathaniel verzog das Gesicht.
„Ich hätte gerne gewusst, ob sie besser ausgestattet waren, als wir.“ Sie öffnete die Tür und gab den Blick auf das Krankenzimmer frei. Die Bezeichnung war eine massive Untertreibung für das, was sich dahinter verbarg.
Zuerst kam man in einen Vorraum, indem man sich desinfizieren konnte, dann erst bekam man Zutritt in den eigentlichen Bereich. Statt den Holzwänden, aus denen die Kabinen bestanden, waren hier Fliesen. Schränke standen an der Wand, in der Mitte eine OP-Liege. Licht, Monitore, Instrumente. Ein öffentliches Krankenhaus wäre sicher ein wenig neidisch auf diesen mini OP gewesen. Besonders in den letzten Jahren, in denen nichts mehr modernisiert werden konnte.
„Nein, ihr steht dem meiner Eltern um nichts nach“, sagte Nathaniel und legte Jill auf die Liege.
„Dann ist ja gut.“
„Weißt du, wie viel Blut sie verloren haben könnte?“
„Nein, tut mir leid.“
Mary öffnete die Knöpfe von Jills Hemd und legte ihr ein EKG an. „Das sieht schon gut aus. Sieh mal, ganz normal. Ich schließe sie dann mal an einen Monitor an.“
„Vielleicht haben sie Jill auch mit dem Zeug betäubt, was sie mir gegeben haben.“
„Das kann sein. Ich werde ihr ein wenig Blut abnehmen, dann untersuche ich es.“
„Bist du Ärztin?“
„Nein.“ Sie nahm eine Butterflynadel aus einer Schublade und eine kleine Spritze. „Eigentlich bin ich hier die Hackerin.“
Als würde sie jeden Tag nichts Anderes machen, nahm sie Jill ein wenig Blut ab.
„Hackerin?“
„Ja, glaubst du mir nicht?“
„Doch, denke ich zumindest.“ Er wusste im Moment überhaupt nicht mehr, was er glauben sollte. Wenn seine Freunde eigentlich nicht mal die Namen hatten, mit denen er sie immer angesprochen hatte, was stimmte dann überhaupt noch?
„Ich habe Informatik studiert, aber davor einige Semester Medizin. Nur hatte ich dann doch keine Lust jeden Tag mit Menschen zu arbeiten. Nullen und Einsen liegen mir mehr, als Viren und Bakterien.“
Sie tropfte das Blut auf den Objektträger und einen Teil davon in eine Zentrifuge.
„Diese Frau, wer ist das? Eure Anführerin?“
„Hat sie sich nicht vorgestellt?“
Er schüttelte den Kopf.
„Wir nennen sie Nano und sie ist unser Captain, wenn du es so sehen willst. Sie bekommt die Aufträge von oben.“
„Was für Aufträge und wer ist dieser oben?“
Mary lehnte sich an die Schrankzeile. „Wir arbeiten in der Grauzone des Gesetzes, wir gehören keiner Regierungsorganisation an, wenn du das meinst.“
„Und für wen dann?“
„Nathaniel, du bist ein sehr ehrlicher Mensch, der die ganze Welt retten möchte. Es gibt noch mehr von deiner Sorte. Menschen, die etwas verändern wollen und sich nicht damit aufhalten wollen, sich mit dem trägen Gesetzesapparat rumzuschlagen. Wir handeln illegal, so muss man es wohl sagen. Wir jagen die, die sich durch Einfluss und die finanziellen Mittel den Rücken freihalten, um ihre Machenschaften durchzuziehen. Wer unsere Chefs sind, wissen wir selbst nicht. Wir fragen auch nicht. Aufträge müssen wir nicht annehmen, wenn wir sie mit unserem Gewissen nicht vereinbaren können.“
Nathaniel zog die Stirn kraus.
„Wir töten, wenn es sein muss. Auch wenn wir versuchen, das zu umgehen.“
Der Monitor, an den Jill angeschlossen war, gab ein Signal von sich.
„Ihr Blutdruck steigt, sie wird wach.“
Nathaniel ging zu ihr. Sie war unruhig. Er hatte wenigstens in seinem Bett gelegen, als er eingeschlafen war und war auch dort wieder aufgewacht. Wo war Jill gewesen, als sie weggetreten war? Er hoffte für sie, dass es nicht im Labor gewesen war. Sie sollte keine bösen Erinnerungen haben. Es reichte, wenn er ihr erzählte, was passiert war.
Sie blinzelte. „Nathaniel?“
„Ja, ich bin hier.“
„Aber du solltest mir doch nicht folgen.“ Ihr Kopf fiel zur Seite und nur mit Schwierigkeiten brachte sie ihn wieder in die Mitte.
„Ich bin dir nicht gefolgt.“
Ihre Augen gingen wieder zu. „Ich habe Kopfschmerzen und mir ist schlecht.“
Damit war ihm klar, dass sie das gleiche Mittel bekommen hatte, wie er auch. Aber sie hatte anscheinend nichts von dem mitbekommen, was man mit ihr gemacht hatte.
Mary reichte Nathaniel eine Nierenschale. „Nur für de Fall. Die Toiletten sind ein Stück weg.“
„Wo bin ich?“ Jills Augen wanderten von einer auf die andere Seite.
„Das ist etwas schwer zu erklären. So genau weiß ich das auch nicht.“
„Ihr seid in einem alten Bergwerk.“
Wieder musste der Gesichtsunterricht herhalten, damit Nathaniel sich orientieren konnte. Die Stadt hatte sich hier eigentlich nur entwickelt, weil man in den Bergen Kohle gefunden hatte. Die Adern waren mittlerweile erschöpft, aber die Mienen hatte niemand zugeschüttet.
„Ich verstehe nicht …“
„Du solltest auch erst einmal richtig wach werden. Ich lasse euch mal eine Weile allein und bereite den Besprechungsraum vor. Ihr habt sicher Hunger und etwas zu Trinken könnte auch nicht schaden.“
„Essen?“ Jill musste würgen und Nathaniel hielt ihr die Nierenschale.

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