Nennt mich Miyamoto – Kapitel 17

Mary war weg, Jill auch und Nathaniel saß bei seinem Vater im Büro und beobachtete, wie dieser Kontakte zu Privatlehrern herstellte und einen Plan für seinen Sohn erstellte.
„Du wirst noch sehen, was du davon hast. Ich kenne genug Lehrer, die dir schon beibringen werden, was es heißt, hart zu arbeiten. Ab nächster Woche wirst du keine Freizeit mehr haben und darum betteln abends ins Bett gehen zu dürfen.“
Das werden wir noch sehen.


„Und glaube ja nicht, dass du diesen Professoren auf der Nase herumtanzen kannst. Die haben schon mit härteren Fällen gearbeitet.“
Sollte sein Vater nur reden. Nathaniel war in Gedanken bei Jill. Ihr Blick. Er war so sanft gewesen. Das kannte er nicht von ihr.
Er griff nach seinem Wasserglas und beobachtete die Oberfläche. Nathaniel bewegte das Glas und das Wasser stieß leicht gegen die Ränder.
Jill, wir kennen uns kaum. Und trotzdem … Er unterdrückte ein Seufzen, sein Vater hätte es nur falsch interpretiert. Ist das Sehnsucht?
Er schreckte zusammen, als der alte Nadeldrucker seinen Dienst aufnahm. Sein Vater nutzte das alte Gerät noch gerne, wenn er Durchschläge machen wollte. In seiner Praxis konnte Nathaniel das auch gut verstehen, von Rezepten wurden öfter Durchschläge verlangt, aber zuhause könnte er es auch mehrmals Ausdrucken.
Wortlos legte sein Vater ihm den Plan vor die Nase. Der zufriedene Blick gefiel ihm dabei gar nicht.
Das ist kein Stundenplan, das ist ein Tagesablauf. Und dazu noch ein sehr Detailreicher. Es war genau festgelegt, wann er aufzustehen, sich die Zähne zu putzen und zu duschen hatte, wann er beim Frühstück erscheinen musste und natürlich welcher Lehrer ihn zu welcher Uhrzeit aufsuchte.
„Aber auf das Klo gehen darf ich schon, wenn ich muss?“, fragte er spöttisch. Sicher würde er den Plan so nicht mitmachen.
„Ab nächster Woche wird ein neuer Au-pair kommen. Ich habe schon sehr viel von ihm gehört und er wird dich rund um die Uhr beaufsichtigen.“
Auch das würde sich erst noch zeigen. Er hatte schließlich andere Dinge zu tun, als den ganzen Tag hier herumzuhängen. Er musste Jill finden. Er musste wenigstens wissen, ob sie eine sichere Unterkunft gefunden hatte.
Draußen wurde es langsam dunkel und ihm war schlecht bei dem Gedanken, dass sie sich wirklich unter einer Brücke einen Schlafplatz gesucht hatte.
Nathaniel nahm seinen Plan und stützte sich auf den Lehnen des Sessels ab, um aufzustehen.
„Wo willst du hin?“, sein Vater sah an dem Computerbildschirm vorbei, über seine Brille hinweg.
„Auf mein Zimmer.“
„Nein, du wirst hierbleiben, wo ich dich im Blick habe. Dir traue ich zu, dass du aus dem Fenster springst und dann zu diesem Mädchen gehst.“
„Ich springe sicher nicht aus dem ersten Stock.“ Nathaniel hatte im letzten Jahr einmal darüber nachgedacht und seinen Entschluss wieder zurückgezogen, als er aus dem Fenster den weiten Weg nach unten gesehen hatte. Das Haus war ein Altbau und allen das Erdgeschoss war schon Hochparterre und aus dem ersten Stock ging es gute sechs Meter nach unten.
Liam hatte ihm zwar mal gezeigt, wie man sich aus größerer Höhe abrollen konnte, aber er wollte nicht austesten, ob man allein durch Erklärung so einen Sturz auch unbeschadet überstehen konnte. Unter seinem Fenster stand nicht einmal ein Busch, der ihn abfangen konnte.
Sein Vater stand auf. „Dann werde ich dich hinbringen.“
Der meint es diesmal ja wirklich ernst.
Nathaniel leerte sein Glas mit einem Zug, er hatte heute noch nicht viel getrunken und sein Mund war trocken.
Warum sein Vater so plötzlich seine Meinung geändert hatte, wurde Nathaniel jedoch erst klar, als er in seinem Zimmer war und hörte, wie sein Vater von draußen die Tür abschloss. Kopfschüttelnd setzte er sich auf sein Bett.
Er wusste nicht, ob er darüber lachen oder weinen sollte. Mit 18 eingesperrt auf seinem eigenen Zimmer. Wie ein kleiner Junge. Sein Blick fiel auf das Fenster und er stand auf. Es kribbelte ihn in den Finger es doch noch einmal zu öffnen und herunterzuschauen. Aber das Haus war nicht kleiner geworden und so ließ er es.
Dann wählte er Liams Nummer. Wenn er für Jill von hier aus nichts tun konnte, dann wollte er wenigstens seinen Kumpel bitten einmal kurz zu ihrem Haus zu fahren und nachzusehen, ob sie dort war. Wäre er an ihrer Stelle gewesen, hätte er sein eigenes Heim als erste Zuflucht gesehen. Egal, ob er damit Gefahr lief, auf eine Gang zu stoßen. Vielleicht auch gerade deswegen.
Sie hatte eine gute Beziehung zu ihren Eltern. Vielleicht will sie, dass derjenige sie findet, wenn man sie wirklich verschleppt hatte.
Nach gefühlten Minuten legte Nathaniel auf. Liam nahm nicht ab, also schrieb er ihm eine SMS, mit der Bitte ihn anzurufen. Im modernen Zeitalter war er noch nicht angekommen. Internet auf dem Handy? What´s App, alles Dinge, die ein Liam nicht brauchte.
Warum bin ich eigentlich so dumm? Er ließ sich auf das Bett sinken. Warum habe ich sie gehen lassen?
Nathaniel legte sich hin und zog die Beine nah an der Körper. Er war so überrumpelt von ihrer Antwort gewesen, dass er nicht hatte reagieren können. Er rieb sich sie Muskeln am Unterschenkel. Die Position unter der Treppe war unbequem gewesen und jetzt, wo sich das Adrenalin abgebaut hatte, erinnerte ihn sein Körper wieder daran.
Und müde war er plötzlich auch. Der Tag war anstrengend gewesen, aber er konnte jetzt nicht schlafen. Er musste erst wissen, wo Jill war.
Ich bin 18, warum habe ich mir das von meinem Vater überhaupt gefallen lassen? Warum habe ich mich nicht gewehrt? Andere wären einfach aus dem Haus gegangen und ihr nach.
Er erinnerte sich an die Sicherheitskräfte, die draußen herumliefen. Sicher ein Aspekt des Ganzen.
Seine Lider wurden schwer. Sein Körper auch. Er kämpfte gegen den Schlaf an, wollte noch einmal aufstehen, um nicht zu verlieren, aber er schaffte es nicht mehr. Nur seine Beine streckte er noch, bevor er von der Müdigkeit niedergerungen wurde.

Nathaniels Handy vibrierte unter seiner Nase. Er hörte es nicht, obwohl er sich ganz sicher war, dass er es nicht auf lautlos geschaltet hatte. Es kitzelte furchbar und er wollte das blöde Gefühl weghaben. Er versuchte, danach zu greifen, aber seine Arme waren so schwer. Sein ganzer Körper war schwer, als hätte man ihm Blei in die Muskeln gespritzt.
Endlich gelang es ihm, die Augen zu öffnen. Alles um ihn herum war verschwommen und er zwinkerte mehrmals, bis das Bild wieder scharf wurde. Er sah, dass Liams Nummer auf dem Display aufblinkte. Weil er seine Arme noch immer nicht bewegen konnte, nahm er das Gespräch mit einem Stupser seiner Nase an.
„Nath, was ist los? Seit 12 Stunden versuche ich dich zu erreichen und du gehst nicht dran!“
„Liam.“
„Sag mal Nath, bist du betrunken?“
„Nein.“
„Hey, ist ja schön, dass du mit der Kleinen so viel Spaß hast, aber wenn du mich das nächste Mal anrufst, dann wenn du nüchtern bist.“
Er hörte, wie Liam auflegte. Wieso lallte er so? Und warum war er schon wieder so müde?

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