Nennt mich Miyamoto – Kapitel 15

Nathaniel hatte gehofft, dass Jills Bus noch nicht weg war und sein Wunsch wurde erfüllt. Sie saß in ihr Buch vertieft an der Haltestelle.
Nathaniel hatte sich bisher nicht viel aus Mädchen gemacht, aber Jill war anders. Sie ging ihm nicht aus dem Kopf. Sie war einfach nicht wie die Mädchen, die er bisher kennengelernt hatte. Sie war bodenständig und wusste genau, was sie wollte. Ihr Auftritt im Lehrerzimmer hatte ihn beeindruckt. Ihre Ruhe. Er wünschte, er hätte sie auch gehabt, auch wenn es gutgetan hatte, es herauszulassen.


„Hey, darf ich?“ Er zeigte auf den Platz neben ihr.
Sie sah zu ihm auf und klappte das Buch zu. „Natürlich, aber warum bist du hier? Du schwänzt doch nicht etwa?“
„Nein.“ Er setzte sich zu ihr und lehnte sich entspannt nach hinten. „Zum Schwänzen wäre die Voraussetzung, dass ich auf die Schule gehe. Aber das tue ich nicht mehr.
„Wie bitte?“
„Ich habe denen endlich gesagt, was ich von denen halte und dann haben sie mich rausgeworfen.“
„Bist du da etwa stolz drauf? Du weißt, was das für dich bedeutet.“ Voller Unverständnis schüttelte sie den Kopf.
„Fängst du jetzt auch noch an?“
Sie seufzte leise. „Schon gut, aber das hier ist angeblich die beste Schule der Stadt und deine Eltern können es sich leisten.“
Er zuckte mit den Schultern. „Aber du siehst doch, wie es hier abläuft. Das war und ist nichts für mich.“
„Du bist echt ein Idiot.“ Dann fing Jill an zu lachen. „Aber ich auch. Ich hätte mir denken können, dass du nicht den Mund halten kannst. Was meinst du, warum ich dich zurückgehalten habe?“
Er grinste und die Haut über seiner Nasenwurzel kräuselte sich. „Weil du genau das vermeiden wolltest?“
„Ganz genau.“
„Entschuldige. Darf ich dich als Wiedergutmachung nach Hause bringen?“
„Gerne.“ Sie lächelte. Ein anderes Lächeln als sonst. Offen. Befreit. „Aber zieh die Jacke aus. Ich muss meinen Eltern gleich erklären, dass ich von der Schule geflogen bin. Da will ich ihnen nicht auch noch beibringen müssen, dass der nette junge Mann wegen einer falschen Farbe ein Loch im Kopf hat.
Der Bus bog in die Straße ein und Jill stand auf.
„Der nette junge Mann? Deine Eltern haben mich nur einmal gesehen.“
„Ja und? Du warst meiner Mutter gleich sympathisch. Sie konnte gar nicht glauben, dass du aus einer der privilegierten Familien stammst.“
„So schlimm sind wir ja nun auch nicht alle.“
„Nicht alle, aber alle die sie kennt. Als mein Dad seinen Job verlor, ist sie putzen gegangen und wurde nur wie der letzte Mist behandelt.“
Der Bus hielt und die beiden stiegen ein. Zwischen den Schulstunden war es angenehm leer und sie bekamen zu ihrer Freude Sitzplätze.
„Das ist nicht fair.“
„Was ist denn schon fair? Sieh dir Aiden an.“
„Der bekommt seine Strafe. Ich glaube zumindest daran.“
„Karma oder was?“, fragte Jill belustigt.
Der Bus fuhr an und Nathaniel beobachtete die vorbeiziehenden Häuser.
„So in der Art.“
„Blödsinn, das gibt es nicht.“
Nathaniel sagte nichts dazu. Entweder man glaubte an das Karma oder nicht. Für ihn gab es keinen Grund darüber zu diskutieren.
Sein Gesicht spiegelte sich in der Fensterscheibe und jetzt erst fing er wirklich an zu begreifen, was zuhause auf ihn warten würde. Seine Eltern würden toben, ihm ins Gewissen reden und alles tun, damit er auf keinen Fall die Schule wechseln musste. Und man würde ihm wieder vorwerfen, was die Leute jetzt wohl über die Familie sagen würden. Ob es seinen Eltern wirklich irgendwie darauf ankam, wie er sich dabei fühlte, wusste er nicht.
Der Bus hielt am Bahnhof und auch hier war es um diese Zeit sehr ruhig. Das alte Gebäude wirkte gegen die modernen Haltstellenanzeigen wie aus einer anderen Zeit. Die großen Säulen, die den Eingang trugen, zeugten davon, wie wichtig der Bahnhof einst gewesen war. Alles, was man nicht per Schiff transportieren konnte, war mit der Eisenbahn herangeschafft worden. Zu Beginn noch mit einer dampfbetriebenen Lok, später wurden diese durch Elektrischbetriebene ersetzt. Aber die Fassande des Bahnhofes zeugte noch immer von dem Ruß, der aus den Schornsteinen gekommen war.
In Nathaniels Kopf bauten sich Bilder zusammen, wie es hier einmal ausgehen haben musste. Damals als noch die Dampfloks gefahren waren. Er wusste, dass es viel mehr Gleise gegeben hatte und diese über die Jahre zurückgebaut worden, als immer mehr über Containerschiffe in die Stadt gebracht worden war. Die Eisenbahn hatte an Bedeutung verloren. Spätestens mit dem letzten großen Ausbau des Hafens.
Nathaniel sah vor seinem geistigen Auge die Loks einfahren und die Arbeiter rannten zu den Waggons, um sie zu entladen, damit der Zug wieder auf reisen gehen konnte. Die Stadt stand in der Blüte ihrer industriellen Entwicklung. Die Schornsteine qualmten, der Geruch von schweren Maschinen lag in der Luft und das Donnern aus den Fabriken war in der ganzen Stadt zu hören. Umwelttechnisch gesehen eine Katastrophe, aber es kam ihm in seinem Kopf alles so lebendig vor.
„Hey, wie lange willst du noch den Bahnhof anstarren?“ Jill tippte ihm auf die Schulter.
„Oh, sorry. Ich war gerade ganz weit weg.“
„Das habe ich gemerkt. Wo warst du?“
Er lächelte. „Hier, aber nicht in dieser Zeit. Vielleicht so 70 Jahre früher.“
Jill verdreht sich die Augen. „Du bist ein Spinner.“
„Ich weiß, sonst wäre ich nicht hier.“
„Das könnte stimmen. Gehen wir?“
Diesmal hatte Nathaniel Zeit sich die die Gegend etwas genauer anzuschauen und jetzt nahm er auch die Gangzeichen an den Hauswänden bewusster wahr.
„Was werden deine Eltern sagen, dass du rausgeworden wurdest?“, fragte Jill, als sie in ihre Straße einbog.
„Keine Ahnung. Ich bin noch nie rausgeflogen, das werde ich dann sehen. Oh, wenn man vom Teufel spricht.“ Nathaniel zog das Handy aus der Tasche, als es vibrierte und drückte seinen Vater weg.
„Willst du nicht dran gehen?“
„Nö, was auch immer er mir sagen will, hat Zeit.“
„Man merkt, woher du kommst.“ Jill blieb vor ihm stehen. „Ich gebe dir einen Rat, wenn du auf eine Schule hier unten gehst. Gehe niemals im Streit aus dem Haus, du weiß nicht, ob du jemals zurückkommst.“
„Ist es wirklich so schlimm?“
Liam hatte ihm viel erzählt, viel beigebracht und noch mehr hatte er versucht, selbst zu recherchieren, aber es waren nie eindeutige Zahlen gewesen, die das Internet ausgespuckt hatte. Die Stadt hatte dabei die besten Zahlen, unabhängige Seite sahen die Situation deutlich schlechter.
„Ein Mord pro Tag. Vielleicht nicht geplant, aber ein Querschläger reicht auch aus, um einen Unschuldigen zu töten. Schießerein gibt es hier genug.“
„Ich werde auf mich aufpassen.“ Nathaniel versuchte die Zahlen, die er kannte damit zu vergleichen und ging davon aus, dass die Stadt nur die unschuldigen Opfer angab und die Gangmitglieder, die jeden Tag ihr Leben ließen, in der Statistik untergehen ließen.
Jill schüttelte den Kopf. „Nathaniel, das …“
Ein Schuss hallte durch die Straßen. Er hörte sich weit weg an, aber trotzdem stellte sich Nathaniel schützend vor sie und hörte Liam mit Gettobaby.
„Von wo kam das?“
Jill schluckte und streckte zitternd die Hand aus, als ein weiterer Schuss fiel. „Da.“
Am Ende der Straße tauchte eine Menschenmenge auf, an der Spitze eine Wand aus Polizisten war. Auch wenn die Beamten rückwärts gingen, kam sie schnell näher.
„Weg hier.“ Nathaniel griff nach Jills Hand und rannte los.
„Wo willst du hin?“
„Keine Ahnung, nur erst mal weg.“
Die beiden stoppten abrupt, als von der anderen Seite etliche Polizeiwagen auftauchten und dort eine Blockade aufbauten. Sie öffneten ihre Türen und warteten mit den Waffen am Anschlag.
„Und jetzt?“
Nathaniel sah auch um. „In das Haus.“ Er zeigte auf ein gelbes Haus, das ein SALE Schild im Vorgarten hatte.
Wieder ein Schuss und diesmal konnten die beiden den Ursprung ausmachen. Einer der Polizisten, der die Wand aufgebaut hatte, lag auf dem Boden, sein Schild auf ihm. Die Menge hatte gestoppt. Das Bild, das sich den beiden bot, wirkte wie eingefroren. Nathaniel wagte einen kurzen Blick zu den Polizisten am Wagen. Sie beobachteten die Situation, redeten miteinander, aber ließen sich Waffen am Anschlag.
Nathaniel fragte sich, was in ihren Köpfen vorgehen mochte. Da lag einer ihrer Kameraden am Boden, ob er noch lebte, konnte man von hier aus nicht erkennen. Das Feuer konnten sie nicht eröffnen, dann würden sie ihren Kollegen in den Rücken schießen.
„Nath?“ Jill drückte seine Hand.
„Lass uns ganz langsam weiter gehen.“
Dann eskalierte die Situation. Die Menge stürmte los, rannte die Polizisten um. Nathaniel sah noch, wie der angeschossene Mann im letzten Moment sein Schild über sich zog, bevor er niedergetrampelt wurde.
„Bewahren Sie Ruhe“, schallte es durch das Megafon eines Autos. „Sonst sind wir gezwungen Waffengewalt einzusetzen.“
Doch die Masse reagierte nicht drauf. Es fehlten nur noch die Mistgabeln und die Fackeln, um aus der Meute einen wütenden Mob zu machen.
„Unter die Treppe!“, rief Jill und rannte los. Der Raum zwischen den Stufen reichte gerade aus, damit die beiden darüber Platz hatten.
Noch einmal kam die Aufforderung zu stoppen, dann fielen weitere Schüsse. Nathaniel zog Jill an. Sie zitterte, ganz genau wie er. Egal, in welcher Situation Nathaniel mit Liam bisher gewesen war, er hatte immer die Möglichkeit gehabt selbst einzugreifen und etwas daran zu verändern. Dass er das jetzt nicht konnte, machte ihm Angst.
„Was passiert hier?“, fragte Jill tonlos vor Fassungslosigkeit.
„Die Wut hat die Kontrolle übernommen.“
Nathaniel konnte sehen, wie jemand etwas aus seinem Rucksack holte. Im Gegensatz zu der aufgebrachten Menge war dieser Mann ganz entspannt. Er stand etwas abseits, mehr zu den Häusern hin und wirkte wie der Fels in einem wilden Bachlauf.
„Jill.“ Er zeigte auf den Mann.
„Was hat der da? Eine Flasche?“ Jill weitete die Augen. „Das ist ein Molotowcocktail!“
Der Mann rannte los, getragen von der Bewegung der Masse wurde er nach vorne gespült. Im Lauf zündete ein Tuch an, das aus dem Flaschenhals heraushing und warf sein Geschoss auf eines der Polizeiautos. Im gleichen Moment eröffneten die Polizisten das Feuer.
Die Flasche schlug auf der Motorhaube auf und die frei gewordene Flüssigkeit fing Feuer. Es war die Eröffnung einer Schlacht. Weitere Flaschen flogen und Schüsse kamen aus allen Richtungen.
Nathaniel und Jill klammerten sich in ihrem Versteck aneinander. Eine Spinne lief, aufgeschreckt von dem Lärm, an ihnen vorbei und suchte sich einen neuen Platz.
Schreie. Weinen und weitere Explosionen. Dann hörte Nathaniel Sirenen, die schnell näher kamen. Er wagte einen kurzen Blick hinaus. Die Polizei hatte Unterstützung bekommen. Mehrere Transporter mit spezielle ausgerüsteten Beamten waren eingetroffen und zwei Fahrzeuge, die mit Wasserwerfern ausgestattet waren. Letztere wurden auf die Menschen gerichtet und ohne eine weitere Vorwarnung wurde der Strahl ausgelöst.
Die Menschen wurden auseinander gedrängt, aber für sie war das nur eine weitere Provokation.
So sehr die Angst in Nathaniel auch nach Aufmerksamkeit schrie, er konnte seinen Blick nicht von der Szene abwenden.
Das ist wie in einem Bürgerkrieg!

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