Nennt mich Miyamoto – Kapitel 14

Ich hätte nicht gedacht, dass ich es mal vermissen würde, zur Schule zu gehen. Nathaniel stieg aus dem Bus und schulterte seinen Rucksack. Auch wenn seine Eltern tagsüber nicht da gewesen waren und er mit Mary eine nette Unterhalterin gehabt hatte, war ihm nach einer Woche die Decke auf den Kopf gefallen.


„Gut, dass du wieder da bist“, sagte Jill, die keinen Platz mehr in Nathaniels Nähe bekommen und weiter hinten im Bus gestanden hatte.“
Als die beiden gemeinsam über den Schulhof zum Gebäude gingen, zogen sie alle Blicke auf sich. Ihre Mitschüler steckten die Köpfe zusammen und sprachen hinter vorgehaltenen Händen.
„Sollen wir denen noch mehr zum Reden geben?“, fragte Nathaniel.
„Als kleinen Service des Hauses?“
„So in etwa. Hak dich unter und wir schauen mal, was passiert.“
„Bist du sicher?“
„Absolut.“
Ohne weiter zu diskutieren, hakte sie sich unter seinen Arm und legte ihren Kopf an seine Schulter. Ein paar Mitschüler weiteten die Augen. Ihr Ziel hatten die beiden auf jeden Fall erreicht und Nathaniel war gespannt, wann das bei seinen Eltern landen würde.
Kaum hatten die beiden das Gebäude betreten, kam der Stellvertretene Rektor auf sie zu.
„Mr. Alister.“ Er nickte Nathaniel zu.
„Ist meine Krankschreibung nicht angekommen?“
„Doch, es geht nicht um Sie. Mrs. Brown, die Schulleitung möchte mit ihnen sprechen.“ Seine Miene wurde von einen auf den anderen Moment ernst. Ein Security kam zu ihnen und stellte sich zu Jill.
„Was soll das werden?“ Ergriff Nathaniel das Wort, als er sah, wie unsicher seine Freundin wurde.
„Machen Sie sich keine Sorgen, es ist für ihre Sicherheit gesorgt“, versuchte der Stellvertretene sich aus der Lage herauszuziehen.
„Was haben Sie mit Jill vor?“
„Das habe ich Ihnen bereits gesagt.“ Er wandte sich an Jill. „Wenn Sie uns dann ohne Aufsehen folgen würden.“
Ohne Aufsehen war schwer. Die umstehenden Schüler hatten einen Kreis um sie gebildet und tuschelten, was das Zeug hielt.
Nathaniel wollte ihnen folgen, als der Stellvertreter einen Arm nach ihm ausstreckte. „Sie bleiben bitte hier.“ Die Worte waren so laut genug gewesen, dass es jeder in einem fünf Meter Umkreis hören konnte.
„Nach den Schulregeln ist es jedem Schüler erlaubt, bei Gesprächen einen Zeugen dabei zu haben. Wenn Jill damit einverstanden ist, gehe ich mit.“
Der Stellvertretene presste die Lippen aufeinander und sah dann zu dem Mädchen. Nathaniel musste sich ein Grinsen verkneifen. Sicher verfluchst du dich dafür, dass ich die Schulordnung schon dreimal abschreiben musste.
Er richtete seinen Blick auf Jill. Hinter ihrer Stirn kämpften Stolz und Unsicherheit einen harten Kampf miteinander. Dann nickte sie schließlich und der Stellvertretene schnaubte vor sich hin, als Nathaniel mit in das Besprechungszimmer kam.
Allein der Anblick beim Eintreten reichte aus, dass Nathaniel am liebsten wieder raus gegangen wäre. An dem großen, runden Tisch saßen alle Lehrer der Schule. Die Hände auf dem Tisch und mit krenzengeraden Rücken.
„Ich glaube, es geht nicht um mein Stipendium“, murmelte Jill und schluckte.
„Hast du was angestellt, als ich nicht da war?“
Sie schüttelte den Kopf.
Die Schulleiterin stand auf. „Setzen Sie sich Mrs. Brown. Wir müssen noch einen Moment auf die letzten Teilnehmer warten.“
Teilnehmer, aber es sind doch alle Lehrer hier.
Nathaniel zog einen Stuhl für Jill zurück und wartete, bis sie Platz genommen hatte, bevor auch er sich hinsetzte.
„Mr. Alister“, begann die Rektorin und wurde gleich gestoppt, als der Stellvertretene zu ihr eilte und ihr etwas ins Ohr flüsterte, woraufhin sie das Gesicht verzog. „Ich verstehe, also gut.“
Gut war für sie anscheinend nichts an der Sache.
Während sie warteten, fiel nicht ein Wort und Nathaniel wechselte die Blicke mit Jill. Sie machte den Eindruck, als würde sie angestrengt darüber nachdenken, was sie angestellt hatte, um diesen Aufzug zu rechtfertigen.
Als die Schulglocke läutete, blieben alle Lehrer weiter stocksteif sitzen und machten auch nur den Anschein nervös zu werden, weil sie in die Klassen mussten. Dabei war die Pünktlichkeit hier doch das höchste Gut. Nur Nathaniel und Jill wurden zunehmend unruhiger. Sie kaute an ihrer Lippe und knetete die Hände, während er versuchte, sich auf seine Atmung zu konzentrieren.
Die Zeiger auf der großen Uhr wanderten in Zeitlupe, bis eine Viertelstunde nach Unterrichtsbeginn die Tür geöffnet wurde.
„Was will der denn hier“, flüsterte Jill.
„Das würde ich auch gerne wissen.“
Aiden hatte gemeinsam mit seinen Eltern den Raum betreten. Die Schultern hatte er bis zu den Ohren hochgezogen und als er an Jill vorbeiging, wich er ängstlich ein paar Schritte aus.
Die Rektorin stand auf und reichte Mr. und Mrs. Ward die Hand. „Sehr schön, dass Sie da sind. Machen Sie sich bitte keine Gedanken, wir werden die Sache sofort zu ihrer Zufriedenheit lösen.“
Aiden setzte sich zwischen seine Eltern und richtete seinen Blick zur Tischplatte.
„Mrs. Brown.“, wandte sich die Rektorin an Jill. „Dass sie auf diese Schule gehen dürfen, ist ein Privileg und wir sind mit ihren Leistungen durchaus zufrieden. Nur ist uns zu Ohren gekommen, dass Ihr Bruder Teil einer Gang ist.“
Nathaniel schlug die Hände auf den Tisch und wollte aufspringen, als Jill ihre Hand auf Seine legte. „Ganz ruhig.“
„Der hat …“
„Nath, komm erst mal runter,“ zwang sie ihn dazu, seine Wut herunterzuschlucken. Nur lange würde sie nicht in seinem Bauch bleiben.
Jill ließ ihre Aufmerksamkeit der Rektorin zukommen. „Das ist leider wahr, aber was hat das mit mir zu tun? Zu meinem Bruder habe ich keinen Kontakt.“
„Doch, das hast du.“ Alle Blicke richteten sich auf Aiden, der weiter auf die Tischplatte starrte und mit weinerlicher Stimme fortfuhr: „Als die Gang uns verprügelt hat, haben sie erst aufgehört, als du da warst.“
„Uns verprügelt? Du hast doch gar nichts …“
Jill warf ihm einen scharfen Blick zu, der ihn zum Schweigen brachte.
„Ja, das ist wahr und du kannst froh sein, dass ich dort war.“ Jill stand auf. „Es war dein Plan dich auf dem Gelände des alten Autokinos mit Nathaniel zu treffen, was bekanntes Ganggebiet ist. Und soweit mir bekannt ist, hat Nathaniel noch versucht, dich vorher abzufangen, aber du warst schon weit vor der vereinbarten Zeit dort.“
„Das tut nichts zu Sache“, sagte Mrs. Ward, die durch Jills Aussage unsicher wurde. Sie wusste, dass das Mädchen aus dem einfachen Volk die Wahrheit sagte. Doch sie war auch eine routinierte Rednerin. „Tatsache ist, dass der Bruder dieses Mädchens Mitglied in einer Gang ist und dies an dieser Schule geduldet wird.“ Sie wandte sich an die Rektorin.
„Ich kann Ihnen noch einmal versichern, dass wir nichts davon wussten. Alle Unterlage, die wir über Mrs. Brown bekamen, zeigten, dass sie eine junge strebsame Dame ist, die eine Chance bekommen sollte, aus ihrem Leben etwas zu machen.“
Bei den Worten der Rektorin kam Nathaniel sein Frühstück wieder hoch. Jill war hier geduldet, weil sie ein Alibiprojekt der Stadt war. Mehr nicht. Man wollte zeigen, dass man sich kümmerte. Die Massen beruhigen, aber das Projekt war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Was interessierte es die verzweifelten Menschen, wenn man einem Mädchen die Chance gab aus dem Elend aufzusteigen?
„Mrs. Brown, wir bedauern diesen Schritt zutiefst, aber in Anbetracht der derzeitigen Sicherheitslage, habe wir keine andere Wahl, als Sie …“
„Reden Sie nicht so geschwollen um den heißen Brei“, fiel Jill der Rektorin ins Wort und löste ein Raunen im Lehrerzimmer aus. „Sie wollen mich rauswerfen, nicht wahr?“
Ihr Tonfall war deutlich abgekühlt und von ihrer Unruhe, die Nathaniel ihr noch vor ein paar Sekunden so deutlich angesehen hatte, war nichts mehr zu spüren.
„Sie haben Angst, dass es dem guten Ruf ihrer Schule schadet, was es unter der eigentlichen Zielgruppe schon getan hat, weil sie mich überhaupt aufgenommen haben. Meine Eltern sind vielleicht nur einfache Leute, aber dumm bin ich deswegen sicher nicht. Die Ablehnung, die man mir hier entgegengebracht hat, hat mir immer wieder gezeigt, dass ich mich glücklich schätzen kann, nicht Teil dieser Schicht zu sein.“
Wow! Nathaniel brauchte all seine Selbstbeherrschung, um nicht zu applaudieren.
Jill hängte sich ihre Tasche über die Schulter. „Meine Unterlagen können Sie mir sicher zuschicken, dann ersparen wir uns ein weiteres Zusammentreffen.“
„Ihre Unterlagen liegen bereits im Sekretariat bereit“, sagte die Rektorin.
„Sehr gut, dann werde ich sie abholen und kann dann verschwinden.“ Jill schob ihren Stuhl zurück an den Tisch und verließ in aller Ruhe das Zimmer.
Nathaniel sah zu Aiden, der spielte zwar noch den eingeschüchterten Jungen, aber jeder, der ihn nur ein bisschen kannte, konnte das breite Grinsen hinter der Fassade sehen.
„Hast du jetzt erreicht, was du wolltest?“ Nathaniel erhob sich. Die Wut, die Jill mit nur einem Blick bei ihm unterbunden hatte, zischte wieder hoch wie die Kohlensäure in einer geschüttelten Flasche, deren Deckel man geöffnet hatte.
Er ging um den Tisch herum zu seinem ehemaligen Freund. „Es ging dir nicht um Jill.“ Kurz zeigte sich ein selbstgefälliges Lächeln auf Aidens Lippen.
Nathaniel hörte zwar noch die warnende Stimme von Liam in seinem Kopf, sich nicht provozieren zu lassen, aber es war schon zu spät. Er verlor die Kontrolle und wenn es nach seinem Kumpel ging, hatte er damit automatisch verloren. Nathaniel packte Aiden am Kragen und zog ihn auf die Beine.
„Du bist der mieseste Arsch, das ich kenne!“ Er schlug zu und ließ Aiden dabei los, der von der plötzlichen Wucht auf dem Boden landete.
Die Lehrer sprangen auf und bevor sich seine Wut noch in weitere Schläge entladen konnte, wurde er festgehalten. Aber seinen Mund konnten sie ihm nicht zukleben.
„Du hast hervorragend gelernt, was man uns hier beibringt. Den Schwächeren ein Messer in den Rücken jagen!“
„Mr. Alister, halten sie sich zurück. Sonst muss ich Ihnen einen Verweis aussprechen“, griff der Rektor ein und stellte sich vor Aiden, dessen Eltern ihm aufhalfen.
„Du wollest, das ich am Ende eine Strafe kassiere. Denkst du, ich habe das nicht gemerkt? Ich weiß zwar nicht, was ich dir getan habe, aber es muss schlimm für dich gewesen sein. Ich hätte mich sicher nicht mit dir geprügelt, weil du das nur wolltest.“
„Sehen Sie, was ich gesagt habe?“ Wieder setzte Aiden die weinerliche Stimme ein. „Er lügt, wenn er nur den Mund aufmacht. Will sich nicht prügeln und schlägt dann zu.“
„Du …“ Nathaniel versuchte, sich loszureißen. Es gelang ihm, einen Arm freizubekommen. „Du passt in dieses verdammte System. Ich wünschte, ich hätte auf Jill gehört und wäre nicht zu dem Kino gegangen, um dich vor den Gangs zu schützen. Dann hättest du die Schmerzen gehabt, die du verdienst.“
„Mr. Alister!“ Die Rektorin trat ihm entschlossen einen Schritt entgegen. „Noch eine Bemerkung in diese Richtung und ich habe keine andere Wahl, als sie von dieser Schule zu …“
„Dann tun sie das.“
Explosionsartig breitet sich Stille in dem Raum aus. Die Griffe der Lehrer lockerte sich so weit, dass Nathaniel frei kam.
„Das kann nicht Ihr ernst sein.“
„Doch. Wenn jemand, der so eine Situation provoziert mehr Rechte eingeräumt bekommt und dann noch ein Unschuldiger mit in die Sache gezogen wird, dann gehöre ich nicht hier her.
„Mr. Alister, Sie nehmen sich die Chance auf eine erfolgreiche Zukunft, wenn Sie demnächst auf eine öffentliche Schule gehen.“
„Ich nehme mir gar nichts.“ Sein Unterbewusstsein ließ alle Alarmglocken aufheulen, doch Nathaniel schob sie mitsamt allen Konsequenzen beiseite. Seine Eltern würden lieber einen Privatlehrer mit Rohrstock engagieren, als ihn auf eine öffentliche Schule zu schicken. Aber alles auf dieser Erde war ihm lieber, als jetzt den Mund zu halten. Besser sich irgendwo in der sibirischen Tundra noch im Spiegel anschauen zu können, als hier weiter dieses Spiel mitzumachen.
„Im Gegenteil, ich kann nur Gewinnen, wenn ich nicht mit dieser ständigen Heuchelei in Kontakt komme.“
„Mr. Alister!“
„Was haben Sie? Gefällt Ihnen die Wahrheit nicht.“ Es tat so gut. So unendlich gut. Er konnte das aussprechen, was er schon so lange im Kopf gehabt hatte und endlich durften all diese Gedanken raus. Mit jedem Wort wurde die Last, die ihm war, kleiner.
„Es ist doch so, wer den meisten Einfluss hat, kommt hier am Weitesten. Jill hatte nie eine Chance.“
„Wollen Sie damit behaupten, dass wir nicht fair bewerten?“
„Ja.“
„Das ist genug!“
Bis die Rektorin so reagierte, hatte es länger gedauert, als Nathaniel es erwartet hatte. Noch immer brüllte die Stimme in seinem Hinterkopf endlich still zu sein und den Schaden auf ein Minimum zu begrenzen, doch er hatte einfach genug.
Er konnte nachvollziehen, dass die Leitung nicht begeistert davon war, dass Jills Bruder Mitglied in einer Gang war. Das war sie selbst auch nicht. Aber es konnte nicht sein, dass sie in Sippenhaft genommen wurde.
„Sie haben hier ihre Zukunft verspielt. Dabei hatten wir gehofft, dass Sie endlich verstanden haben, wen man sich als Freund aussuchen sollte.“
Nathaniel lächelte. „Oh, ich glaube, das habe ich.“ Er drehte sich zur Tür und hoffte, Jill noch erreichen zu können.

 

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