Nennt mich Miyamoto – Kapitel 13

Du bist naiv.
Nathaniel drehte sich auf die Seite, nur um sich sofort wieder zurückzudrehen. Er hatte zwei gebrochene Rippen, Prellungen und offene Stellen. Alles in allem hatte er Glück gehabt und er war selbst überrascht gewesen, dass nichts Schlimmeres passiert war. Nur hatte er bisher noch keine Liegeposition gefunden, in der er halbwegs schmerzfrei war.
Aber Jills Worte hatten ihn schwerer getroffen, als alles, was ihr Bruder und sein Gefolge bei ihm getan hatten.
Du wirst daran zerbrechen.


So etwas in der Art hatte Liam auch zu ihm gesagt, aber das war etwas Anderes gewesen. Liam war eben Liam. Er war hart und lebte in seiner eigenen Welt. Mit der Welt, in der Nathaniel lebte, suchte er nur so viel Kontakt, wie es absolut notwendig war.
Dass Jill auch so dachte, hätte er nicht erwartet. Er verstand nicht, warum sie ihn so sah. Er hatte sich für die eingesetzt und verstand, wo die Probleme lagen. Was hatte das mit naiv zu tun?
Auf der anderen Seite klang naiv immer noch netter als dumm. So hatten ihn seine Eltern genannt. Auch wenn sie vor Liam Verständnis gezeigt hatten, war das Donnerwetter gekommen, als die Tür hinter ihm zugefallen war. Der einzige Grund, warum sie Nathaniel nicht noch in der gleichen Nacht auf eine Militärschule in der Mitte von nirgendwo geschickt hatten, war die Tatsache, dass er Aiden damit das Leben gerettet hatte. Das konnte ihnen Ansehen bei den Eltern des Jungen bringen.
„Nath, bist du wach?“
Er richtete sich auf. „Für dich ja.“
„Hier ist jemand für dich.“
Hätte Mary das nicht vorher sagen können. Auf Besuch hatte er keine Lust. Seine Mutter hatte am Morgen etwas von einem Psychologen gesagt, der sich mit ihm unterhalten sollte.
„Wer denn?“
„Mach auch, ich bin es.“
Jill! Sofort war er auf den Beinen und schloss die Tür auf.
„Hier.“ Sie hielt ihm ohne weitere Worte einen Stapel Zetteln hin. „Deine Hausaufgaben.“
„Wieso hast du meine Aufgaben? Wir haben nicht einen Kurs zusammen.“
Jill rollte mit den Augen. „Deine überaus netten Mitschüler haben sie mir gegeben, weil du mehr Kontakt zu mir als zu ihnen hättest.“
„Ach so.“ Er nahm das Papier entgegen.
„Willst du deinen Gast nicht reinbitten?“, fragte Mary und verschränkte streng die Arme. „Oder wollt ihr euch weiter auf dem Flur unterhalten?“
„Was, oh! Nein, natürlich nicht.“ Er trat von der Tür weg.
„Also eigentlich, wollte ich gleich wieder gehen.“
Mary gab ihr einen kleinen Stupser in den Rücken und Jill gab nach.
„Soll ich euch etwas zu trinken bringen?“
„Ich habe noch was hier.“
„Gläser auch?“
„Ja.“
„Gut, dann ruft mich, wenn ihr noch etwas braucht“, sagte Mary mit einer freudigen Melodie in der Stimme und zog die Tür hinter sich zu.
Jill sah sich in seinem Zimmer um, was Nathaniel rote Verlegenheit ins Gesicht trieb. Er schon immer ein hoffnungsloser Chaot gewesen, was die Ordnung in seinem Zimmer anging.
„Ich hatte mir dein Zimmer etwas anderes vorgestellt.“
„Wie denn?“
„Aufgeräumter.“
Nathaniel verzog das Gesicht. „Ich bin auch nur ein Junge.“
„Matt hatte auch immer so ein Chaos, aber wir hatten auch keine Haushälterin.“
„Mary ist nicht dazu da mir hinterher zu räumen. Das will ich auch gar nicht.“
„Ihr Akzent, wo ist sie her?“
„Aus Irland, sie ist eine Art Au-pair. Aber leider nur noch für ein paar Monate.“
„Irland … Das würde ich gerne mal sehen.“ Sehnsüchtig sah Jill aus dem Fenster. Von hier aus konnte sie nur in den Garten des Nachbarhauses sehen. „Schade, ich dachte, du hättest einen besseren Ausblick.“
„Komm mal mit.“
Nathaniel führte Jill über den Flur. Seine Eltern waren begeisterte Kunstsammler und so erinnerte es mehr an einen Gang durch eine Galerie.
„Sind die echt?“ Jill blieb vor einem Bild stehen, dass eine Frau am Meer zeigte, die voller Hoffnung in die Ferne sah.
„Soweit ich weiß, ja.“
„Das ist sehr schön, wer hat das gemalt?“
Nathaniel suchte auf dem Bild und auch hinter dem Rahmen nach einer Notiz oder lesbarer Unterschrift, wurde aber nicht fündig. Er zuckte mit den Schultern und zeigte auf die Unterschrift des Künstlers. „Der da.“
„O.k. also Mr. der da.“
„Ja, ganz genau.“
Lachend schüttelte sie den Kopf. „Sag doch einfach, dass du keine Ahnung von Kunst hast und da auch ein Picasso hängen könnte und du ihn nicht erkennen würdest.“
„Tja.“ Er legte die Hand in den Nacken. „So ist das wohl.“
„Dabei dachte ich, ihr seid alle so belesen und künstlerisch bewandert.“
„Also ich lese gerne Marvel, zählt das auch?“
„Für mich ja. Aber unsere Lehrer sehen das sicher anders.“
„Auf der Schule lesen einige Marvel, DC und was weiß ich. Es gibt nur keiner zu. Aiden übrigens auch.“ Nathaniel ging weiter und öffnete die großen Flügeltüren am Ende des Flures. „Ist das die Aussicht, die du dir erhofft hast?“
Jill machte einen Schritt auf den Balkon. Von hier aus konnte man die ganze Stadt überblicken und weit auf das Meer hinaus. Die Sonne war schon langsam am Sinken und warf ihre Strahlen auf das Wasser, dessen Schaumkronen orange leuchteten. Große Containerschiffe waren weit draußen zu sehen und je näher man dem Ufer kam, nutzten Segelschiffe die kräftige Brise, um über die Wellen zu springen.
Im Containerhafen wurden große Pötte beladen und die sportlichen Jachten, die im angrenzenden freien Hafen wirkten dagegen wie Nussschalen.
Jill stützte sich auf die Brüstung und hielt ihre Nase in den Wind. Nathaniel kam zu ihr.
„Das Riesenrad“, sagte er und zeigte zum alten Vergnügungspark.
„Ja und ich dachte, dass man von dort eine gute Aussicht hat, aber das hier toppt alles.“
„Finde ich auch. Nachdem du mir am Riesenrad erzählt hast, dass teilweise Straßenzüge ohne Strom auskommen müssen, habe ich das von hier angeschaut. Es werden mehr.“
„Ja, letzte Nacht wieder eine Straße. Ich verstehe nicht, was das soll. Es zeigt doch überhaupt keinen Effekt.“ Jill senkte den Kopf.
„Hast du was von Aiden gehört?“, versuchte Nathaniel das Gespräch, auf ein anderes Thema zu lenken.
„Wenn die Gerüchte stimmen, dann kommt er in zwei Wochen wieder. Er muss sich wohl mit einem Therapeuten von dem Trauma erholen.“
„Trauma?“ Nathaniel zog eine Grimasse. „Dann kann ich ja den Rest des Jahres zuhause bleiben.“
„Denk gar nicht daran. Dann bin ich ja wieder alleine mit den ganzen hochnäsigen Typen.“
„Das würden meine Eltern auch gar nicht erlauben.“
„Wie haben die eigentlich reagiert?“
„Liam hat mich wahrscheinlich vor der Militärschule bewahrt.“
„Du auf einer Militärschule? Da würdest du untergehen. Stummer Gehorsam ist bei dir sicher nicht drin. Die würden dich nach einem Monat rauswerfen.“
Nachdem sie ihn naiv genannt hatte, war das jetzt Musik in seinen Ohren. Vielleicht hatte sie sich nach den ganzen Ereignissen in der Nacht auch nur unglücklich ausgedrückt. Sicher war es für sie schwer gewesen, ihren Bruder für einen kurzen Moment zurückzubekommen und ihn dann wieder ziehenlassen zu müssen.
„Einen Monat gibst du denen? Ich schaffe das in zwei Wochen.“
Jill knuffte ihn in die Seite. „Angeber. Werde erst mal wieder fit.“
„Morgen komme ich wieder zur Schule.“
„Wie bitte?“ Jill machte große Augen.
„Die äußeren Sachen sind verheilt und meine Eltern sind der Meinung, dass ich dann auch wieder zur Schule kann. Bei den Rippen kann man nichts machen, außer abwarten. Nur eben kein Sport.“
„Wenn du meinst. Haben deine Eltern eigentlich Anzeige erstattet?“
Nathaniel nickte und hob beschwichtigend die Hände, als er die Angst in Jills Augen sah. „Gegen Unbekannt. Wir haben doch in der Dunkelheit und Hektik keine Gesichter gesehen.“
„Danke.“ Ein trauriger Schleier legte sich über Jill. „Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich möchte, dass er draußen rumläuft. Im Gefängnis wüsste ich wenigstens, wo er ist, aber ich kenne auch die Zustände dort. Die Gangs Kämpfen auch dort gegeneinander und da gibt es auch keine Möglichkeit zur Flucht.“
„Wenn du Hilfe brauchst, dann sag es. Du bist ein echt starkes Mädchen. Die Schule, dann pflegst du noch deine Mutter und du arbeitest auch noch nebenbei, oder?“
Sie sah zu ihm auf. „Woher weißt du das?“
„Weil du jeden Mittwoch müde bist und im Bus am Morgen einschläfst.“
„Ich arbeite mittwochs und freitags in einer Wäscherei. Bevor ich zur Schule komme, packe ich da Kisten für Krankenhäuser, damit sie ausgeliefert werden können.“
„Du bist wirklich stark. Das würde kaum einer von unserer Schule schaffen. Wenn ich dir also irgendwie helfen kann, dann sag es, ja?“
„Es ist in Ordnung, so wie es ist. Anderen geht es schlechter und du solltest dein Mitleid für mich einstellen.
„Ich habe kein …“ Das glaubte er sich nicht einmal selbst und es gab keinen Grund den Satz zu beenden. Er hatte Mitleid mit Jill und ihrer Familie, aber auch Wut auf die, die sie in diese Situation gebracht hatten.
„Nathaniel?“ Sie sah zum Horizont. „Du bist echt in Ordnung. Ich wünschte, es gäbe mehr Menschen wie dich.“
„Auch wenn ich naiv bin?“
„Weißt du nicht, warum ich dir das gesagt habe?“
„Weil es das ist, was du denkst?“
„Nein.“ Sie drehte sich zu ihm. „Weil es traurig wäre einen Menschen wie dich zu verlieren, weil er die Welt verbessern will und daran zerbricht, wenn er an das Ende seiner Möglichkeiten kommt.“
So ist das also.
„Ich weiß, dass ich nicht die ganze Welt retten kann. Aber ich kann wenigstens für mein Umfeld versuchen, sie etwas schöner zu gestalten.“
„Ja, das tust du. Jeden Tag, an dem du da bist.“

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