Nennt mich Miyamoto – Kapitel 11

„Oh, welch seltener Gast in unseren Hallen.“ Die Arzthelferin sah von ihrem PC auf, als Nathaniel in den Eingangsbereich der Praxis seiner Eltern kam.“
„Hi Wendy. Wo sind den meine geschätzten Ärzte?“
Sie schob die Brille ein Stück hoch und wandte sich ihrem Desktop zu. „Dein Vater ist im OP, das dauert noch mindestens eine Stunde. Deine Mutter ist in einem Gespräch mit einem Vertreter. Das kann auch noch dauern.“
„Dann werde ich das wohl heute Abend klären müssen.“
Sie sah über die Theke. „Kann ich dir irgendwie weiterhelfen?“


„Ich bin mir nicht sicher.“
Wendy setzte die Brille auf ihren blonden Haarschopf. „Dann erzähl doch mal, ich habe Zeit, die Chefs sind beschäftigt.“
Nathaniel schilderte die Situation. Wendy spielte dabei mit ihrem Kugelschreiber und hörte ihm aufmerksam zu. Hin und wieder nickte sie.
„Ich denke, das wird kein Problem sein. Komm mal mit.“ Sie stellte ein Schild auf die Theke. Derzeit nicht besetzt.
Wendy führte ihn in einen Raum hinter der Anmeldung. Die Praxis war nach den neusten medizinischen Standards eingerichtet und teilweise ein wenig zu steril, wenn es nach Nathaniels Geschmack ging. Die Wände waren weiß, höchstens mal ein paar Akzente in Grau. Die Lampen waren in den Decken eingelassen, die wenigen Bilder an der Wand waren echte Gemälde, auf denen er aber nichts erkennen konnte.
Die Abstellkammer glich einer Rumpelkammer. Die Regale waren aus Holz und in ihnen standen Kisten aus Plastik und Pappkartons.
„Ich wusste gar nicht, dass meine Eltern so ein Chaos dulden.“
„Das Lager sehen die Patienten nicht und deine Eltern lassen sich hier drin auch nicht blicken. Sonst hätten sie dagegen sicher schon etwas unternommen. Aber solange sie das nicht tun, machen wir uns auch keinen Stress. Wir wissen in welcher Kiste, was liegt.“
„Ohne Beschriftung?“
„Ja.“ Sie tippte an ihre Stirn. „Alles hier drin.“
Wendy griff in einen Karton, der so hochstand, dass sie sich auf Zehenspitzen stellen musste. „Kompressen, die schon eine Salbe drauf haben. Ganz neuer Kram aus der Medizin, aber dein Vater benutzt sie kaum. In zwei Monaten laufen sie ab, dann würde ich sie wegwerfen. Die Mutter deiner Freundin kann sicher mehr damit anfangen.“ Wendy drückte ihm einen Karton mit 60 Stück in die Hand.
„Du, es ging mir eher um Proben.“
Die Helferin winkte ab. „Kein Stress, die Kiste ist noch zu ¾ voll. Die brauchen wir in der Zeit nie auf.“ Sie zog eine Tüte aus ihrer Kitteltasche und füllte sie mit Medikamentenpackungen.
„Als ich noch im Tal gearbeitet habe, haben wir auch Muster bekommen, aber bei deinen Eltern brauche ich fast einen Gabelstapler, um das alles wegzubekommen.“ Sie schüttelte den Kopf und räumte einen leeren Karton mit etlichen Schachteln voll.
Mrs. Alister war als Internistin auch außerhalb der Stadt bekannt. Sein Vater als Schönheitschirurg ebenfalls und weil sie sich in gewisser Weise ergänzten, hatten sie ihre Praxen vor drei Jahren zusammengelegt. Patienten, die nach internistischen Eingriffen zu seiner Mutter zur Nachsorgen kamen, ließen sich auch gerne die Narben behandeln. Manche wollte sich nach der langen Zeit des krank seins auch einfach etwas gönnen. Warum das unbedingt eine neue Nase oder Faltenglättung sein musste, verstand Nathaniel nicht.
Die Pharmavertreter hatten von der gut gehenden Praxis natürlich schnell Wind bekommen und auch, dass hier besonders zahlungskräftige Patienten ein und aus gingen, war ihnen nicht verborgen geblieben. Dementsprechend versuchte man die Ärzte, von ihren Produkten zu überzeugen.
„Das ist für deine Schwiegermutter in spe.“ Wendy zwinkte ihm zu und reichte ihm die kleine Tüte. „Wundsalben, Entzündungshemmer und ich hatte sogar noch ein wenig Insulin. In dem Karton ist eine Sammlung aus allem Möglichen. Kopfschmerztabletten, Fiebersenker und was man sonst so für die Hausapotheke braucht. Stärkere Sachen möchte ich nicht in ungelernte Hände geben, aber ich denke damit können sie in der Armenküche sicher etwas anfangen.“
„Das ist super, danke.“ Die Schwiegermutter in spe hatte er einfach mal überhört.
„Kein Problem, ich bin froh, wenn es nicht weggeworfen wird. Verstehe sowieso nicht, warum deine Eltern die ganzen Muster annehmen, wenn sie doch nur hier vergammeln. Gib mir einfach mal die Adresse, wo du die Sachen abgibst, dann werde ich die Sachen öfter dorthinbringen.“
Nathaniel war mit sich und der Welt ein bisschen zufriedener als er die Praxis verließ und sich auf den Heimweg machte. Er verstand nicht, warum alle immer sagten, es sei so schwer, den Menschen in Not zu helfen. Niemand musste eine ganze Unterkunft für Obdachlose bauen, darum ging es gar nicht. Aber wenn jeder ein wenig für die Allgemeinheit tat, dann konnte man viel bewirken.

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