Nennt mich Miyamoto – Kapitel 8

„Wo willst du denn hin?“
Nathaniel gefror das Blut in den Adern. Er schluckte und ließ die Klinke der Haustür los. In zahnradartigen Bewegungen drehte er sich um.
„Mary.“ Er atmete die angehaltene Luft aus. „Du bist das.“
„Ja, was hast du denn gedacht?“
„Ich weiß nicht. Meine Mutter?“
Mary zog eine Grimasse. „Nachdem sie ihr Schlafmittel genommen hat, könnte das Haus explodieren und sie würde es nicht merken.“


„Das stimmt.
„Und jetzt sag mir, wo du hin willst.“
„Zu Jill.“
Mary zog die Augenbrauen zusammen. „Um die Zeit?“
„Ja, am alten Freizeitpark. Sie …“
Sie hob die Hand. „Ich will gar nicht mehr wissen. Sei nur zurück, bevor deine Eltern aufwachen, sonst geht hier ein Tornado durch das Haus und ihr Amerikaner seid nicht für eure stabilen Wände bekannt.“
„Das hatte ich vor.“
„Gut.“ Mary schlang ihren Morgenmantel noch etwas enger um den Körper. „Dann gehe ich jetzt wieder ins Bett und werde mir einreden, dass ich unser Gespräch nur geträumt habe.“
„Was soll ich nur machen, wenn du nicht mehr da bist?“
Mary zuckte mit den Schultern und gähnte. „Dann wirst du dich wohl aus deinem Zimmer abseilen müssen.“
„Ich belege dann schon mal einen Kurs im Klettern.“ Nathaniel öffnete die Tür und schlich in die Dunkelheit. Seine Eltern hatte ihr Schlafzimmer zum Glück auf der gegenüberliegenden Seite. So bekam auch sein Vater, von dem Licht der Bewegungsmelder nichts mit.
Um die Uhrzeit fuhr nur noch stündlich ein Bus ins Tal. Durch das kurze Gespräch mit Mary musste Nathaniel sich beeilen, wenn er nicht den ganzen Weg laufen wollte. Außerdem würde er dann zu spät kommen und Jill wartete sicher nicht ewig auf ihn.
Es war schon ein paar Wochen her, dass Nathaniel das letzte Mal nach Einbruch der Dunkelheit draußen gewesen war, aber er konnte sich nicht daran erinnern, dass es da schon so viel Sicherheitspersonal gegeben hatte. Und das beäugte ihn recht misstrauisch, sodass er lieber beide Hände aus den Taschen nahm. Gleichzeitig musste er ein bisschen schmunzeln, bei dem Gedanken, was für ein Skandal es geben würde, wenn die Security den Sohn der Alisters festhielt. Aber auf der anderen Seite, wollte er auch niemanden in Schwierigkeiten bringen, ganz abgesehen von ihm selbst. Das Wachpersonal wäre seinen Job wahrscheinlich schneller los, als er die Situation aufklären konnte.
Um diese Uhrzeit fuhr der Bus nicht nur selten, sondern auch sehr einsam. Nathaniel war der einzige Fahrgast und es schien den Fahrer zu beruhigen. Seit dem Anstieg die Kriminalität, war es auch zu vermehrten Überfällen auf die öffentlichen Verkehrsmittel gekommen.
„Hey Junge, wo genau willst du hin?“, rief der Fahrer, als der Bus den Berg herunter fuhr.
Nathaniel stand auf und ging nach vorne. „Zum alten Freizeitpark.“
„Gut, dann lasse ich dich zwischen den Stationen raus. Aber halt die Augen und Ohren offen. Die 16th Street Boys haben die umliegenden Straßen im Griff.“
„Die 16th? Ich dachte, die hätten sich im Gewerbegebiet am Hafen breitgemacht.“
Der ältere Mann nickte, hielt seinen Blick aber weiter auf die Straße fixiert. „Hatten sie auch, aber als sie angefangen haben ihre Drogengeschäfte direkt am Hafen abzuwickeln und nicht mehr in einem geheimen Kämmerchen hat selbst die Polizei nicht mehr zugeschaut. Muss ne heftige Straßenschlacht gewesen sein. Mein Bruder ist bei den Cops. Haben ihn ganz schön übel zugerichtet.“
„Die Gangs werden immer aggressiver, oder?“
„Ja, aber man kann es den Menschen fast nicht verdenken, dass sie sich den Gangs anschließen. Die Arbeitslosigkeit steigt immer weiter und es ist kein Ende in Sicht. Der Bürgermeister tut nichts dagegen und wenn man über die Runden kommen will, bleibt einem fast nur noch die kriminelle Schiene. Selbst wenn du wegziehen willst, brauchst du dafür ja erst mal die Kohle.“
Die Ampel schaltete auf Rot und der Fahrer sah Nathaniel an. Er musste selbst kurz vor der Rente stehen. Das Gesicht und der Hals waren mit Falten durchzogen. „Junge, das wird noch heftig werden. Der Unmut wird sich entladen und da müssen die da Oben sich warm anziehen. Die Emotionen der Menschen sind wie ein Pulverfass.“
„Ich weiß, ich gehöre zu denen da oben.“
Der Fahrer lächelte. „Du bist Nathaniel Alister, richtig?“
„Woher …“
„Ich das weiß?“ Er lachte. „Es wird viel erzählt und ich habe gute Ohren, auch wenn das keiner einem alten Mann glauben will. Hier im Bus ist es kaum anders als beim Frisör.“
Die Ampel wurde grün. Bis zum Park waren es nur noch wenige Minuten.
„Ich fahre hin und wieder den Schulbus bei euch und da wird einiges erzählt.“
„Dann muss deren Leben ja deutlich langweiliger sein, als sie immer vorgeben, wenn Meines so interessant ist.“
„Gut, dass du das so siehst. Ich kann dir nur sagen, wenn das alles stimmt, was ich so aufschnappe, dann wohnst du da oben, aber dein Herz …“ Er bremste und kam vor dem Einlass des Parkes zum Stehen. „Aber dein Herz ist hier unten.“
Die Türen schwangen mit einem Zischen auf. Nathaniel stand schon auf der letzten Stufe, als der alte Mann noch hinzufügte: „Solange noch einer von den Reichen ein Herz hat, dann ist noch nicht alles verloren.“
„Ich gebe nicht auf, versprochen.“
Die Türen schlossen sich und der Fahrer hob die Hand zum Gruß, bevor er wieder anfuhr.
Nathaniel sah sich um. Jill war noch nicht da und auch sonst war weit und breit niemand zu sehen. Letzteres wunderte ihn auch nicht, wenn es Ganggebiet war.
Er hörte Liams Stimme in seinem Kopf, dass es naiv sei sich zu dieser Uhrzeit alleine draußen rumzutreiben. Aber Jill hatte auch noch zehn Minuten Zeit.
Am Himmel waren durch die ganzen künstlichen Lichter kaum Sterne zu sehen, nur zwei besonders Helle und der Halbmond. Die Gegend war einst sicher keine Schlechte gewesen. Vor dem Freizeitpark hatte man den Walk of Fame nachgestellt und etlichen Ehrenträger der Stadt hatten einen Stern bekommen. Die Pflastersteine waren nicht der Standard der Stadt und um die Straßenlaternen mussten mal Blumen geblüht haben. Ein paar Reste der Miniaturbeete waren zumindest noch zu erkennen und in einigen hatten sich auch Wildblumen angesiedelt.
Am Ende der Straße tauchte jemand auf, der mit schnellen Schritten näher kam. Nathaniels Instinkte versetzten ihn sofort in Alarmbereitschaft und gingen erst wieder in den grünen Bereich, als er Jill erkannte.
„Hey, du bist wirklich gekommen“, sagte sie und sah sich um.
„Warum sollte ich nicht?“
„Ich habe dir nicht viele Infos gegeben.“ Sie legte die Hände an das Tor zum Park. „Wie gut kannst du klettern?“
„Ich denke ganz gut, hey was hast du vor?“
Jill hangelte sich an den senkrechten Eisenstangen nach oben und sah auf Nathaniel herab, als sie auf dem Tor saß. „Ich sagte, ich will dir etwas zeigen. Oder hast du Angst im Dunkeln in einem verlassenen Freizeitpark zu gehen?“
Davon abgesehen, dass so der ein oder andere Horrorfilm begann, nein. Nathaniel packte die Stäbe und folgte Jill. Als er auf der anderen Seite neben ihr aufsetzte, nickte sie anerkennend. „Nicht schlecht.“
„Danke, aber so schwer war das jetzt nicht.“
„Angeber.“
„Das Tor sah zumindest nicht so zerbrechlich aus, wie die Treppen in den alten Fabriken.“
„Ich glaube, ich möchte gar nicht wissen, wo du dich sonst so rumtreibst.“ Sie gab ihm ein Handzeichen ihr zu folgen. Die beiden gingen an den Kassenhäuschen vorbei, an dessen Fenstern noch die CLOSED Schilder hingen und die Plakate mit den Eintrittspreisen. Die Türen waren jedoch aufgebrochen und Nathaniel konnte sehen, dass die Heizungen herausgeholt waren und das nicht sonderlich fachmännisch. Ein Problem, das auch bei vielen leer stehenden Häusern der Fall war, selbst wenn diese noch zum Verkauf standen. Altmetall brachte gutes Geld.
Ansonsten musste Nathaniel jedoch zugeben, dass der Park noch deutlich besser in Schuss war, als er es erwartet hatte. Obwohl er sich nicht sicher war, ob es nur daran lag, dass er den Zustand des Parkes von Tschernobyl im Kopf gehabt hatte und dieser schon viel länger stillgelegt war.
Die Fahrgeschäfte sahen zumindest im Dunkeln alle so aus, als würden sie am nächsten Tag wieder in Betrieb genommen werden. Nur fegen müsste mal wieder jemand. In allen Ecke lag Müll und Laubreste, die der Wind durch den Park getrieben hatte, bis er auf ein Hindernis gestoßen war.
„Ich habe dich erst nicht erkannt“, sagte Jill, als sie an einer Krake mit einem grinsenden Clown in der Mitte vorbeigingen.
„Was hast du erwartet? Anzug?“
Sie lachte. „Nein, oder … Ich weiß nicht, irgendwie nicht so normal.“
„Du hast doch gesagt, ich bin anders als der Rest.“
„Das stimmt.“ Sie zeigte auf das Riesenrad. „Da möchte ich hin.“
„Oh, wird das eine romantische Fahrt bei Nacht?“
„Nein.“ Er hatte erwartet, dass der Sturm in ihren Augen wieder erwachen würde, aber sie blieb ganz ruhig. „Mein Vater hat dort gearbeitet.“
Nathaniel wusste nur wenig über den Park und er hatte ihn auch nicht besucht, als er noch geöffnet gewesen war. Seine Eltern waren lieber ein paar Tage nach Disneyland geflogen.
„Je mehr es mit der Stadt bergab ging, desto weniger Besucher kamen auch hier her. Zuerst hat man sich damit beholfen, nur noch die beliebtesten Fahrgeschäfte zu warten und die Anderen stillzulegen. So konnte auch der Eintritt gesenkt werden.“
Links von ihnen lud ein Spiegellabyrinth auf eine Entdeckungsreise ein, so weit Nathaniel es erkennen konnte, waren die meisten Spiegel noch intakt.
„Doch irgendwann hat auch das nicht mehr gereicht. Rechnungen konnten nicht mehr bezahlt werden und vor zwei Jahren wurden dann die Tore dichtgemacht.“
„Hat dein Vater eine neue Arbeit gefunden?“
Jill nickte. „Es hat gedauert, aber ja. Es reicht zum über die Runden kommen und wir jammern nicht. Im Gegensatz zu vielen anderen geht es uns ganz gut.“
Sie blieb vor dem Riesenrad stehen. „Wie schwindelfrei bist du?“
„Ziemlich, warum?“
„Um dir zu zeigen, was du sehen sollst, müssen wir auf die halbe Höhe klettern. Über die Streben geht das sehr gut, das waren mal die Rettungsleitern, falls das Rad stehen bleibt.“
Nathaniel schluckte. Er hatte mit Liam schon einiges mitgemacht, aber das hier, war mal etwas Neues. „Du hast das schön öfter gemacht?“
„Öfter als du glaubst.“
Jill kletterte vorweg und er sah deutlich, dass sie nicht gelogen hatte. Die Sprossen waren recht weit auseinander und Jill war keine besonders groß gewachsene Person, trotzdem hatte es den Anschein, als würde sie nur eine normale Leiter hinaufsteigen.
Nathaniel fiel es schwer, ihr zu folgen. In alten Gebäuden zu klettern, kam ihm leichter vor, auch wenn die Orte oft schon deutlich länger verlassen und damit auch maroder waren. Das Riesenrad wies nur wenige Rostspuren auf und machte auch sonst noch einen ganz guten Eindruck. Nur waren hier keine Mauern, die irgendetwas begrenzten und bei dem Blick in das Gestell wurde ihm mulmig.
„Jetzt hier lang.“ Jill zeigte auf eine Gondel, die waagerecht zum Boden stand und deren Tür offen stand. Es war kein Problem in diese einzusteigen und Nathaniel war froh wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.
„Man hat hier aber einen guten Überblick über die Stadt.“ Nathaniel ging näher an das Fenster heran. „Sogar noch besser als von weiter oben. Wie kommt das?“
„Die Abgase der Fabriken machen die Sicht schlechter, glaube ich zumindest. Also, was siehst du?“ Sie setzte sich und lehnte sich entspannt zurück, während Nathaniel sich umschaute.
„Da sind Straßenzüge, die komplett dunkel sind.“
„Das sind die absoluten No-Go-Areas.“
„No-Go-Areas?“
„Die Straßen sind zu 100% in der Hand der Gangs. Irgendwelche Drogenbosse. Teilweise sind sie aus anderen Städten hier her gekommen, weil es hier einfacher für sie ist. Dort gelten ihre Regeln und du hast dich daran zu halten. Sie kontrollieren alles. Wegziehen ist nicht. Auch das haben sie im Griff. Versuchst du es, bist du tot.“
„Und die Polizei macht nichts?“
Jill schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme. „Haben sie aufgegeben. Die Viertel sind von der Außenwelt quasi abgeschnitten. Sie sind nicht mal mehr ans Telefonnetz angeschlossen. Nur Mobilfunk.“
„Aber … Aber das geht doch nicht!“
„Du wusstest es nicht.“
„Nein.“
„Jeder der versucht hat etwas daran zu ändern, war kurz danach tot. Deswegen hat man sich damit arrangiert. Man lässt sie machen und dafür bleiben sie dort.“
„Das ist ja noch schlimmer, als ich gedacht habe.“ Er legte die Hände an die Scheibe. „Wie konnte es nur so weit kommen?“
„Was meinst du denn?“
„Willst du das wirklich von mir wissen?“ Er sah zu ihr. „Sonst interessiert das Niemanden.“
Sie lächelte. „Mich schon.“
„Die Perspektivlosigkeit treibt die Menschen in ihrer Verzweiflung zu illegalen Möglichkeiten, um überhaupt noch zu überleben. So landen sie irgendwann bei den Gangs, die den Sektor im Griff haben. Die bekommen mehr Einfluss, weil sie mehr finanzielle Mittel zur Verfügung haben.“
„Ganz richtig.“ Ihre Blicke trafen sich wieder. „Ich bin mir sicher, dass alle da oben wissen, warum die Stadt so heruntergekommen ist und wenn man es wirklich wollte, könnte man es ändern. Aber es ist die Angst vor dem eigenen Verlust, der sie die Augen schließen lässt. Die Sicherheitsleute, die bei euch rumlaufen sind von der Zahl her wahrscheinlich den Polizisten über.“
„Das mag sein.“
„Ich habe immer gedacht, dass es allen da oben egal ist, was aus uns wird, solange sie weiterhin ihren Profit aus der Sache ziehen und dann kamst du. Es ist schön, dass es vielleicht noch Hoffnung gibt, dass jemand etwas ändern kann.“
Nathaniel dachte an das Gespräch mit seinem Lehrer zurück und seufzte. „Ich allein werde nicht viel bewegen können. Aber ich werde verändern, was ich kann.“
„Das hast du schon.“
„Ach?“
„Du hast mir wieder etwas Vertrauen in die Zukunft gegeben. Da ist jemand, der etwas ändern will. Mit dem Willen fängt alles an.“

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