Saitenwind – Alles auf Anfang 6

Nur mit Mühe gelang es Yuma, dem Unterricht zu folgen. Durch die neuen Mitschüler hatte sich die Sitzordnung noch einmal verändert und so saßen Lea und ihre Freundinnen direkt hinter ihr. Ständig hatte Yuma das Gefühl, die Mädchen würden über sie reden, wenn sie tuschelten und kicherten.
Ihre Klasse kam ihr im Ganzen sehr unruhig vor, was vielleicht auch an den ausgelaufenen Sommerferien lag und alle sich eine Zeit lang nicht so häufig gesehen hatten. Aber ihr wurde auch wieder bewusst, dass sie unter anderen Bedingungen aufgewachsen war. Sie hatte in Kreisen gelebt, in denen Frauen zu Hause am Herd zu stehen und die Kinder zu erziehen hatten. Bildung war dort nicht wichtig gewesen und manchmal fragte sich Yuma, ob sie nur zur Schule hatte gehen dürfen, weil es Pflicht war.
Sie ließ ihren Blick durch die Klasse schweifen. Die Anderen wussten gar nicht, was für ein Glück sie hatten, lernen zu dürfen. Für Yuma war es schon ein Kampf gewesen, trotz Gymnasialempfehlung auf die Realschule gehen zu können. Nur dank ihres Deutschlehrers, der auch Religion unterrichtete, war es möglich gewesen ihren Vater zu überzeugen.
„Wenn wir uns die Vererbungslehre anschauen, wie glaubt ihr, sähe dann die erste Generation der beiden Tiere aus?“ Die Biolehrerin legte eine Folie mit einem schwarzen und einem weißen Meerschweinchen auf.
Yuma meldetet sich.
„Ja.“
„Wenn man von einem dominat-rezessiven Erbgang ausgeht, dann würden alle schwarz sein. Bei einem intermediären Erbgang sind sie grau.“
Die Lehrerin sah sie einen Moment an und die Klasse wurde kurz ruhig.
„Ganz richtig, noch beschränken wir uns nur auf den einfacheren und häufigeren Weg. Die Nachkommen sind schwarz.“ Die Lehrerin zog das Blatt, mit dem sie den Rest des Stammbaumes abgedeckt hatte, etwas runter und führte dann ihre Erklärung der Mendelschen Regeln fort. Yuma saugte jedes Wort in sich auf. Sie wusste, dass ihr Vater wahnsinnig werden würde, wenn er auch nur ahnte, was seine Tochter gerade lernte.
Seine Welt ist so beengt. Warum kann er nicht einfach mal die Augen aufmachen und sehen, was sie noch alles bietet?
„Hat wirklich keiner eine Idee, wie die zweite Generation aussehen könnte?“ Die Lehrerin sah etwas enttäuscht in die Runde und Yuma erschrak über sich selbst, dass sie sich von den Gedanken an ihren Vater so sehr hatte ablenken lassen. Sie hob die Hand .
„Ich denke drei Schwarze und drei Weiße“, sagte Yuma. Sie hätte das Ganze noch weiter ausführen wollen, aber da es hinter ihrem Rücken schon wieder anfing zu tuscheln, ließ sie es bleiben und versuchte sich gleichzeitig einzureden, dass es nicht ihretwegen war.

„Eure Stimmen passen wirklich gut zusammen. Ihr habt in den letzten Tagen einen richtigen Sprung gemacht“, sagte Sammy nach der Probe.
Seit einem Monat spielten sie jetzt regelmäßig zusammen und Sammy bekam langsam das Gefühl dafür mit anderen zu spielen.
Manuel hatte ein gutes Gespür dafür eine Gruppe anzuleiten. Viele Übungen, die er mit seiner Lehrerin gemacht hatte, ließ er auch hier einfließen. Für Sammy war diese Art des Unterrichtes etwas völlig Neues. Manuel brachte Struktur in die Sache und das gefiel ihm. Francis hatte sich alles selbst beigebracht und immer nur das versucht zu lernen, was er gerade brauchte. So war er auch mit Sammy verfahren, aber das war kein richtiger Weg für ihn gewesen. Für ihn musste alles aufeinander aufbauen.
„Wir werden alle immer besser. Sammy hat heute deutlich lauter gesungen, als bisher“, sagte Yuma.
„Oh, habe das?“
Manuel grinste. „Ja, hast du.“
„War ich zu laut?“ Sammy war so in der Musik drin gewesen, dass er sich nicht sicher war, aber es hatte sich gut angefühlt.
„Nein.“ Yuma hob beschwichtigend die Hände. „Im Gegenteil. Du hast mit richtig Selbstbewusstsein gesungen.“
Sammy sah auf seine Gitarre. „Mit Selbstbewusstsein?“
„Ja, du hast einen richtig guten Background gemacht.“
Manuel sagte noch mehr, aber das nahm Sammy gar nicht mehr wahr. Selbstbewusstsein. Das hatte man ihm in Berlin immer abgesprochen und er solle daran arbeiten. Er konnte gar nicht mehr zählen, wie viele hilfreiche Kommentare er bekommen hatte, um Selbstbewusstsein aufzubauen. Geholfen hatten sie alle nicht. Aufrechter gehen und mehr aus sich rauskommen, waren die beiden Sprüche, die er am meisten gehört hatte.
Jetzt war er einen Monat auf dem Internat und man sagte ihm, dass er etwas selbstbewusst getan hatte.
„Sam? Hey, hörst du mir überhaupt zu?“ Manuel hatte die Arme verschränkt.
„Oh, ähm … Sorry, ich war gerade mit meinen Gedanken nicht ganz hier.“
„Ich habe doch gefragt, ob du nicht auch mal versuchen willst, mehr als Background zu singen.“
„Was ich? Nein. Danke.“ So weit war er dann doch noch nicht und eigentlich fühlte er sich mit seiner Rolle im Hintergrund ganz wohl.
„Na gut, wenn du es dir anders überlegst, dann sag Bescheid.“
Es tat gut, dass ihn niemand drängte, so fing er langsam an zu lernen, auch Nein zu sagen. In Berlin war es einfacher gewesen, allem zuzustimmen. Hatte er abgelehnt, hatte es immer in einer Diskussion geendet, warum er es nicht wollte und so hatte er es am Ende doch getan. Einfach nur, um seine Ruhe zu haben.
„Jungs, mögt ihr noch mit ins Dorf kommen? Die Eisdiele hat heute Probierabend.“
„Was ist das denn?“, wollte Manuel wissen.
„Sie wollen fünf neue Eissorten machen und heute darf man mit auswählen.“
„Hört sich toll an, aber ich bekomme von Eis immer Kopfschmerzen“, sagte Sammy.
„Wirklich?“ Yuma sah ihn voller Mitleid an.
„Ja, leider. Keiner weiß warum, ich mag es auch nicht mehr versuchen.“
„Schade. Manuel, was ist mit dir?“
„Klar, gerne.“

**

„Danke, dass du mich begleitet hast“, sagte Yuma auf dem Weg nach Hause. Die Sonne war bereits untergegangen und aus ein bisschen Eis probieren war eine lange und lustige Unterhaltung geworden. Da sie beide aus Bayern kamen, hatten sie sich einen Spaß daraus gemacht, mal wieder mit Akzent zu sprechen. Sonst versuchten die beiden, so hochdeutsch wie möglich zu sprechen, damit die anderen sie auch verstanden.
„Und du bist dir ganz sicher, dass man ein paar Dreads im Nacken nicht sehen wird?“
„Nö, keine Sorge.“
„Mein Vater würde ausrasten, wenn er sie sehen würde.“
„Ach, das legt sich. Meine Eltern waren am Anfang auch nicht begeistert.“ Manuel grinste. „Mein Vater wollte sie mir direkt abschneiden.“
„Echt? Was hast du dann gemacht?“
„Ich habe gesagt, dass sie dran bleiben und bin gegangen.“
Yuma seufzte. „Ich wünschte, ich hätte auch den Mut mich meinem Vater so entgegenzustellen.“ Ein Windstoß ließ sie frösteln und sie rieb sich die Arme.
„Hier.“ Manuel legte seine Sweatshirt Jacke über die Schulter. „Deine Eltern müssen wirklich streng sein.“
„Frierst du nicht?“
„Nicht so schnell.“
Die beiden gingen schweigend weiter auf dem Schotterweg, der Auffahrt des Internates. Yuma sah kurz in den Himmel. Die Nacht war sternenklar.
„Oh, der große Wagen.“
„Was?“
Sie zeigte nach oben. „Dort. Das Sternenbild.“
„Sorry, ich erkenne da nichts.“
„Komm, ich zeig es dir.“ Sie nahm seine Hand. „Folge deinem Zeigefinger.“ Sie fuhr die Figur nach.
„Da braucht man aber schon einiges an Fantasie.“
„Findest du?“
„Irgendwie schon. Einen Handkarren kann ich da ja vielleicht noch erkennen, aber ohne Räder.“
Yuma musste lachen. „Was hast du erwartet? Ein Auto? Die Bezeichnung der Sternenbilder gibt es schon seit der Antike.“
„Du hast Astronomie wohl echt gerne.“
„Ja, wenn es nicht auf dem Zeugnis stehen würde, könnte ich auch in die Astro AG gehen, aber das traue ich mich nicht.“
„Dein Vater?“
„Ja, er ist gegen jede Art von Wissenschaft.“
Manuel schüttelte den Kopf. „Aber dass die Erde rund ist, glaubt er schon.“
„Ich glaube ja.“
„Du glaubst?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich habe ihn nie gefragt. Von einer anderen Meinung als Seiner, kann ich ihn eh nicht überzeugen und wenn ich so einen Quatsch mit der flachen Erde hören würde … Nein, das regt mich nur unnötig auf.“
„Dann glaubst du also nicht an Gott?“
„Doch.“
„Ist das denn vereinbar?“
Yuma zog eine Augenbraue hoch. „Wie kommst du darauf, dass es nicht geht. Wir können bis zum Urknall inzwischen alles zurückrechnen, aber was davor war, weiß niemand. Ich bin der Meinung, dass Gott uns das alles hier gegeben hat.“ Sie breitete die Arme aus. „Wir sind seine Kinder, seine Geschöpfe und das All, die Erde, einfach alles hat er uns geschenkt, damit wir es erforschen können. Damit wir uns weiterentwickeln.“
Manuel schmunzelte. „Interessant.“
„Ich stelle ihn mir nicht als Person vor. Eher wir eine Macht, die beobachtet, aber ansonsten alles in Ruhe lässt. Die Menschen wollten schon immer alles irgendwie erklären und als die Wissenschaft noch nicht weit genug entwickelt war, haben sie sich eben andere Dinge ausgedacht. Deswegen bin ich mir ganz sicher, dass es absolut vereinbar ist.“
„Du bist wirklich anders.“
„Wie meinst du das?“
„Ich kenne genug Mädchen, die einfach nur oberflächlich sind, aber du machst dir viele Gedanken. Das ist schön. Du bist wirklich interessant.“
Hat er mich gerade interessant genannt? Mich Yuma Sander, die langweilige Streberin?

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s