Saitenwind – Alles auf Anfang Kapitel 5

„Das ist sie also“, sagte Manuel und begutachtete die Gitarre in Sammys Händen, die er ein bisschen wie ein stolzer Vater sein Kind hielt.
„Ja.“
Das Instrument war in die Jahre gekommen. An ein paar Stellen hatte es Kratzer im schwarzen Lack und das Griffbrett war abgenutzt, aber Sammys Bruder schien ihr noch einmal neue Saiten aufgezogen zu haben.
„Francis hat sie bekommen, als er 16 geworden ist, aber irgendwann wollte er eine Bessere. Dann hat er sie mir gegeben.“ Sammy strich über die Saiten. „Und jetzt kann ich sie endlich richtig spielen lernen.“
Manuel holte seine Gitarre unter dem Bett hervor. „Dann wird es Zeit für die erste Unterrichtsstunde. Ich habe Yuma gestern beim Klavierspielen zugehört und sie würde auch gerne mitmachen.“
„Klavier?“
„Ja, im Musikraum steht Eines, aber sie würde uns mit ihrem Keyboard begleiten.“
Sammy nickte und atmete innerlich durch. Auch wenn es viele von ihm erwarteten, war er kein Freund von klassicher Musik und das Klavier gehörte auch nicht unbedingt zu seinen Lieblingsinstrumenten.
„Es gibt im Keller einen Proberaum von der ehemaligen Schulband.“
„Woher weißt du das?“
„Yuma und ich haben gefragt, wo wie spielen können. Da es keine Band mehr gibt, dürfen wir den Schlüssel holen, wann wir möchten.“
Sammy hatte noch nie großartig mit Anderen gespielt, höchstens mal mit Leander oder Francis. Sofort fragte er sich, ob er mit den anderen beiden mithalten konnte. War er wirklich schon gut genug dafür? Die beiden hatten schließlich richtigen Unterricht gehabt.
Was, wenn sie mich auslachen, wenn ich es nicht schaffe?
Er verfluchte seine eigene Haltung. So lange hatte man von ihm erwartet der Beste zu sein, dass es ihm selbst zum Ziel geworden war. Nicht weil es ihm persönlich wichtig war, sondern weil er immer das Gefühl hatte, den Anderen ihre Erwartungen erfüllen zu müssen.
Volle Punktzahl. Alles andere war für sein Umfeld seltsam gewesen. Der immer logisch denkende Sammy hatte keine Fehler zu machen. Als er einmal eine 2 in Physik geschrieben hatte, war sein Lehrer sofort zu ihm gekommen und hatte gefragt, ob alles in Ordnung gewesen sei.
„Sam?“
Er sah auf „Ja?“
„Passt alles? Wenn du nicht willst, dass Yuma mitmacht, dann …“
„Doch, ich weiß nur nicht, ob ich gut genug bin, um …“
Manuel winkte ab. „Kein Stress. Wir sind hier nicht beim ESC oder The Voice of Germany. Einfach nur ein bisschen Spaß haben. Und so gut bin ich auch nicht.“
Das kam Sammy aber ganz anders vor, wenn er Manuel spielen und singen hörte. Er hatte sich sofort an Yuma anpassen können, während Sammy sich nicht mal mehr getraut hatte, im Takt zu klatschen. Er hatte sofort das Gefühl gehabt zu stören.
„Du schaust schon wieder so ernst.“
„Meine Mutter hat mir beigebracht, dass man nichts aus Spaß macht. Es geht um Leistung und damit etwas zu erreichen.“
Manuel schüttelte den Kopf. „Ich darf sie echt nicht kennenlernen. Danach hätte ich sicher eine Anzeige wegen Beleidigung am Hals.“
Sammy zuckte mit den Schultern. „Du kannst eh sagen, was du willst. Alles was ihr nicht passt, überhört sie sowieso. Lohnt sich also gar nicht etwas zu sagen. Ich mache es auch seit Jahren nicht mehr.“
„Echt? Hast du dich nicht gewehrt.“
„Am Anfang. Aber bald nicht mehr. Sie hat ja doch gemacht, was sie für richtig hielt und egal wie ich auch argumentiert habe, es war falsch. Sie hatte ihre Meinung und nur die war richtig.“ Sammy stand auf. „Aber es macht auch keinen Sinn darüber zu diskutieren. Sie ist weit weg. Lass uns Yuma fragen, ob sie Zeit hat und dann in den Proberaum gehen.“
Trotzdem freute es Sammy, dass Manuel sich über seine Mutter aufregte. Er selbst hatte seit Jahren dafür einfach keine Kraft mehr und deswegen aufgegeben. Jede Wand war auf Dauer nachgiebiger, als sie.

Und wieder musste Yuma lernen, wie weit ab sie von der normalen Zivilisation gelebt hatte. Manuel hatte etliche Notenblätter mit Songs, von denen sie noch nie gehört hatte und leider konnte sie mit den Akkorden auch nichts anfangen, sodass sie Sammy und Manuel mehr zuhörte, als selbst zu spielen. Sie hatte zwar gelernt, nach Gehör zu spielen, da ihr Vater keine anderen Lieder als Kirchenlieder zugelassen hatte, und sie deswegen auch keine Notenblätter hatte zuhause rumliegen lassen können, aber so schnell konnte sie sich dann auch nicht darauf einstellen.
Trotzdem hatte sie das Gefühl, dass sie auf einer Wellenlänge waren und auch sicher gut zusammen Musik machen konnten.
„Was würdet ihr davon halten, wenn wir versuchen, ein Mashup zu machen?“, fragte Manuel.
Was soll das sein?
„Das hört sich gut an. Francis Band muss das öfter mal bei Auftritten machen. Er sagte, dass ihm das immer Spaß macht, weil er so viel Abwechslung rein bekommt.“
„Super, ich hatte schon mal Eines angefangen, aber bin leider nie fertig geworden. Vielleicht lag es daran, dass ich englische Songs genommen hatte.“
„Dann nehmen wir erst mal Deutsche. Wenn man die Sprache versteht, wird es sicher leichter.“
Manuel nickte und fing an in seinem dicken Ordner zu blättern. Dabei murmelte er unverständlich in seinen nicht vorhandenen Bart.
Dann ist ein Mash up also das zusammensetzten verschiedener Songs zu einem? Yuma wagte es nicht, ihre Frage laut auszusprechen. Offenbar schien es etwas zu sein, was man kennen musste, wenn man sich mit Musik beschäftigte.
„Ich habe es.“ Manuel zog einen Zettel aus der Hülle und die beiden sahen ihm über die Schulter.
„Da sind aber noch etliche Lücken.“
„Ja, irgendwie wollte das nicht.“
Am Rand hatte Manuel die Bands und die Titel aufgeschrieben und Yuma kam sich noch fremder in dieser Welt vor, als bisher.
Ich muss mir noch mehr Sachen auf YouTube anhören… Es gibt noch so viel Musik, die entdecken kann.
„Daraus lässt sich aber etwas machen, oder?“ Sammy sah Yuma erwartungsvoll an.
„Oh, ja natürlich.“ Hoffentlich kaufte man ihr ihre Überzeugung ab. „Das können wir sicher zusammen fertigmachen.“
„Nein“, sagte Manuel und riss den Zettel durch. „Wir fangen von vorne an.“ Er breitete die Arme aus. „Wir haben ganz andere Voraussetzungen! Ein Proberaum, zwei Gitarren, ein Keyboard und eine Sängerin.“ Manuels Augen leuchteten, während er durch den mit Eierkartons ausgekleideten Raum lief.
„Eine Sängerin?“ Sie musste sich verhört haben. Das konnte er jetzt überhaupt nicht ernst meinen.
„Ganz genau, wir zwei im Duett und Sammy macht die Backgrounds.“
Sie wagte einen Seitenblick zu Sammy. Der nickte und schenkte ihr ein Lächeln.
„Also ich weiß nicht, wäre es nicht besser, wenn Sammy …“
„Vergiss es!“ Er hob abwehrend die Hände. „Ich habe überhaupt keine Gesangsstimme und du passt auch viel besser mit Manuel zusammen.“
Manuel verschränkte die Arme. „Du hast eine Gesangsstimme, die musst du nur trainieren. So einfach kommst du mir da nicht raus.“
„Aber …“, versuchte Sammy zu widersprechen.
„Oh nein“, fiel Yuma ihm ins Wort. „Wenn ich ein Duett singe, dann kannst du es auch mit dem Singen versuchen.“
„Also ich …“
„Keine Widerrede.“ Yuma zog die Augenbrauen zusammen und Sammy gab mit einem resignierten Nicken nach.
„Na also.“
„Dann setzten wir uns morgen zusammen und überlegen, was wir machen wollen.“

Yuma war zufrieden. Auch wenn sie in ihrer Klasse noch keinen Anschuss gefunden hatte, mit Sammy und Manuel hatte sie einen Anfang gemacht. Vielleicht kamen aus den Dörfern noch ein paar Schüler mit denen sie, während des Unterrichtes Kontakt bekam. Dann konnte sie auch mit Lea und ihren Freundinnen gut leben.
Jetzt muss ich mich nur noch etwas mit der Musik beschäftigen, die ich auf Manuels Zetteln gesehen habe. Ich kannte echt kaum jemanden davon. Ich hoffe, ich kann das schnell aufholen.
„Hey Yuma!“
Sie drehte sich um. „Was ist Lea?“ Irgendwie wirkte sie sauer.
„Was hast du mit Manuel zu tun gehabt?“, fragte Lea noch, bevor sie ganz bei Yuma stand.
„Wir haben nur zusammen Musik gemacht. Sammy war auch dabei.“ Letztere schien sie zu beruhigen.
„Manuel macht Musik?“
Wusste sie das etwa nicht? Und das, wo sie schon von irgendwelchen Verweisen wusste.
„Er spielt Gitarre“, sagte Yuma und war sich in dem Moment schon nicht mehr sicher, ob das eine gute Entscheidung gewesen war.
„Oh, cool. Wenn du noch etwas erfährst, dann sag mir Bescheid, ja?“
Yuma nickte.
„Sehr gut und denk dran, komm direkt zu mir.“ Ohne noch etwas zu sagen, zog Lea ab.
Yuma sah ihr nach. Das war nicht gut. Das war überhaupt nicht gut. Und irgendwie zog es in ihrer Brust.

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