Saitenwind – Gedankenspiralen #9

Im Lehrerzimmer kam sofort Manuels Mathelehrer zu ihm. „Was ist passiert?“
„Der Typ wollte von Janine ein Foto machen und ins Internet stellen.“
Der Lehrer sah an Manuel herunter. Erst jetzt, als er dem Blick von Herrn Brauer folgte, fing er an etwas zu spüren. Seine Ellenbogen waren offen, die Lippe aufgeplatzt und wann seine Fingerknöchel zu bluten begonnen hatten, wusste Manuel auch nicht mehr.
„Steckst du nicht schon genug in Problemen? Musstest du dich jetzt auch noch prügeln?“
„Manuel, Florian kommt bitte mit mir.“ Die Lehrerin, die an der Hofaufsicht beteiligt war, hatte den Rektor geholt und zeigte auf den kleinen Raum, der sich noch hinter dem Lehrerzimmer befand.
„Ich werde auch mitkommen. Manuel wird ab dem nächsten Schuljahr in meine Klasse gehen. Ich möchte wissen, wen ich mir da zu mir hole.“
Der Rektor wies die beiden Jungs an, sich an den Tisch zu setzen. Florian hatte ein Eispack bekommen, dass er sich auf die Nase hielt. „Ich will wissen, was mit euch los war.“
„Er ist auf mich losgegangen, als ich mich mit Janine unterhalten habe.“
Das war ja wohl die Höhe! „Unterhalten? Du wolltest ein Bild von ihr ins Internet stellen!“
„Manuel, ruhe jetzt. Lass Florian ausreden.“
Der Typ warf ihm einen gehässigen Blick zu, als der Rektor etwas aufschrieb. „Er macht sich schon seit ein paar Wochen an sie ran, aber sie will ihn nicht. Der ist total eifersüchtig gewesen, hat gesagt ich soll meine Finger von ihr lassen.“
„Ich habe Janine nicht angemacht!“
„Und weswegen hast du ihr dann heute Morgen was ins Ohr geflüstert? Außerdem hat sie sich erschrocken, als du sie noch mal angeschaut hast.“
„Ich habe ihr gesagt, sie soll sich aus meinen Angelegenheiten raushalten.“ Er sah zum Rektor. „Sie können Janine gerne fragen.“
Florian schnaubte abwertend. „Sie hat Angst vor ihm.“
„Das ist nicht wahr.“
„Sie hat es mir gesagt. Er schüchtert sie ein. Seine Eltern stehen in der Firma über ihren und …“
Manuel sprang auf und schlug auf den Tisch. „Überleg dir gut, was du jetzt sagst.“
Herr Breuer legte Manuel die Hand auf die Schulter. „Ganz ruhig.“
„Nein. Man kann mir ja einiges nachsagen, aber dass ich so eine miese Masche aufziehe, sicher nicht.“
„Komm runter, du reitest dich nur noch weiter rein.“
Manuel funkelte Florian noch einmal an, bevor er sich hinsetzte. Herr Brauer hatte recht, aber er wollte das auf keinen Fall auf sich sitzen lassen. „Für die Schlägerei stehe ich gerade. Die habe ich angefangen.“
Herr Brauer vergrub sein Gesicht in den Händen. Der Rektor sah zwischen Manuel und Florian hin und her. Manuel wusste, dass er im Moment nicht die beste Position hatte. Er hatte in diesem Schuljahr geschwänzt, etliche Arbeiten abgegeben ohne etwas zu schreiben und wahrscheinlich waren seine Dreads jetzt auch nicht förderlich. „Wir werden eine Konferenz abhalten. Manuel, du hast zugegeben, dass du die Schlägerei angefangen hast. Bis zur Konferenz wirst du zu Hause bleiben.“
Er nahm es hin. Wollte aufstehen, als Herr Brauer sich zu Wort meldete. „Finden Sie das nicht etwas übertrieben? Wir hatten schon andere Schlägereien und bisher wurde niemand deswegen sofort der Schule suspendiert.“
„Er hat seine Gewaltbereitschaft eben deutlich gezeigt und dies ist eine ordentliche Schule.“
„Bringen Sie sich nicht wegen mir in Schwierigkeiten.“ Manuel ging zur Tür.
Vor dem Lehrerzimmer wartete Janine auf ihn. „Was haben sie gesagt? Bekommst du eine Strafe.“
„Ich bin suspendiert, bis zur Konferenz.“
„Was? Du wolltest mir doch nur helfen.“
Herr Brauer trat hinter Manuel. „Ich fahre dich nach Hause.“
„Den Weg finde ich auch allein.“
„Der Rektor hat bei deinen Eltern angerufen. Ich denke, dass es besser ist.“
„Nein, ist es nicht. Ich gehe allein.“

Manuel hatte das Schulgrundstück noch keine zwanzig Meter hinter sich gebracht, als er Schritte hinter sich hörte. Er drehte sich um. „Janine, geh zurück. Sonst geben sie mir die Schuld, dass du schwänzt.“
„Herr Brauer hat mir gesagt, was im Lehrerzimmer los war. Ich werde dich nicht allein gehen lassen. Nicht nachdem was ich bei euch zuhause gesehen habe.“
Sie sahen sich fest in die Augen. Janine wich seinem Blick mit keinem Zentimeter.
„Du hattest recht. Deine Eltern wollten mich auch, damit ich ihnen erzähle, was du in der Schule tust. Sie haben mir gesagt, dass du ein fauler Nichtsnutz bist und man bei dir nur mit Druck weiterkommt. Ich kannte dich bis dahin nur aus der Schule und habe dich für einen arroganten Arsch gehalten.“
„Ich fasse das Kompliment auf.“
„Deine Eltern haben die Gitarre zerbrochen, nicht wahr?“
„Mein Vater, als er begriffen hat, dass ich sitzen bleibe, weil ich auf die Mathearbeit nur zur Kenntnis genommen geschrieben habe.“
„Ich habe Angst, dass er das Gleiche mit dir tut.“
Manuel zuckte mit den Schultern. „Eine Ohrfeige hab ich schon kassiert. Auf eine mehr oder weniger kommt es nicht an.“
„Wenn das jetzt der Versuch war, mich davon abzuhalten mit dir zu gehen, ist es gescheitert.“ Sie nahm seine Hand, strich über die leicht schorfigen Stellen seiner Fingerknöchel. „Ich gehe mit und keine weitere Diskussion.“
Sie wollte ihn mit sich ziehen, aber Manuel blieb wie ein Fels in der Brandung stehen. „Warum machst du das?“
„Du hast mir schon zweimal geholfen. Es wird Zeit, dass ich dir etwas zurückgebe.“
Wusste sie überhaupt, worauf sie sich einließ? Sie mochte ihn vielleicht vorübergehend vor dem Zorn seiner Eltern schützen, aber sie würde irgendwann nach Hause müssen.

In der Einfahrt standen bereits beide Autos. Er würde also die volle Wucht abbekommen. Noch einmal blieb er stehen und sah Janine fest in die Augen. „Bitte, geh nach Hause. Da drinnen wird gleich die Hölle los sein.“
„Ich will die Hölle löschen.“
„Red keinen Mist. Das kannst du nicht und vielleicht hat es auch für deine Eltern negative Auswirkungen. Das …“
„Ich hasse dieses Denken“, zischte sie. „Immer dieses achten, wie man rüberkommt, nur weil die Eltern irgendwelche tollen Manager sind. Das ist so ein dämlicher Scheiß, ich kann es nicht mehr hören.“
Ihre Wut entlockte Manuel ein Lächeln. „Na, benutzt ein braves Mädchen solche Ausdrücke?“
„Noch so ein Kommentar dieser Art und du kannst dir auch nen Eispack holen! Ich hab keinen Bock mehr auf den ganzen Zirkus. Ständig haben wir irgendeinen wichtigen Besuch aus der Firma und ich soll immer das Vorzeigekind spielen. Da hab ich einfach keine Lust mehr drauf. Du bist verdammt bekannt unter den ganzen Mitarbeitern. Weil alle wissen, dass deine Eltern echte Probleme mit dir haben. Ganz ehrlich, ich fand das cool.“
Manuel zog eine Augenbraue hoch. „Ach?“
„Ich kannte dich doch nur aus der Schule von Weitem. Du hast immer so lässig gewirkt, hattest einen Blick als könnte dich die ganze Welt am …“
„Böses Mädchen. So was sagt man nicht.“
Sie grinste. „Sagt wer?“
„Unsere Eltern.“
„Seit wann interessiert dich das?“
Er musste lachen. „Hast recht.“
„Gehen wir jetzt?“
„Willst du wirklich da rein?“
„Wenn du gehst.“
„Eigentlich habe ich grade keine Lust darauf.“ Gentelmanlike bot er ihr seinen Arm an. „Wir können auch gerne woanders hingehen.“
Sie hakte sich ein. „Hast du eine Idee?“
„Ja.“

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