Saitenwind – Gedankenspiralen #8

Manuel verdrehte die Augen, als Janine am nächsten Morgen schon auf ihn zukam, als er aus dem Auto stieg.
„Wo warst du gestern?“
„Deinen Eltern muss die Beförderung ja echt viel wert sein, wenn du jetzt schon als mein Aufpasser abgerichtet bist.“
„Manuel, ich habe dich auf dem Boden gefunden. Ich habe gesehen, dass du geweint hast. Du warst vollkommen fertig und dann kommst du nicht zur Schule. Kannst du dir nicht vorstellen, dass ich mir Sorgen gemacht habe?“
Er kam ihrer näher. Sie zog den Kopf zurück. „Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten. Das willst du auch.“
„Blödmann“, raunte sie noch, als er in Hörweite war.
Manuel drehte sich noch einmal zu ihr um. Sie schreckte zusammen. Er sagte nichts und ging ins Gebäude.Mit den Kopfhörerkabeln unter dem Sweatshirt und Musik in den Ohren brachte er die ersten beiden Stunden Geschichte hinter sich. Aber so richtig hatten ihn die Songs nicht von seinen Gedanken abgelenkt. Er fragte sich, ob Janine auf seiner Seite war. Wenn ja, dann musste er sie von sich stoßen. Er wollte seinen Eltern eine Lektion erteilen ohne Rücksicht auf Verluste. Sie sollte da auf keinen Fall mit hineingezogen werden. War sie sowieso schon auf der Seite seiner Alten, dann musste er sie erst recht meiden.
In der Pause zog sich Manuel in die hinterste Ecke des Pausenhofes zurück, wo eine kleine Baumgruppe stand und ihn vor den Blicken neugieriger Lehrer, die ihre Hofaufsicht besonders ernst nahmen, schützte. Er zündete sich eine Zigarette an und war am überlegen, ob er sich für ein paar Stunden vom Unterricht befreite und einfach hier blieb. Die grauen Wolken und der angekündigte Regen machten ihm die Entscheidung leicht.
Zwar hätte er Lust seinen Vater noch ein weiteres Mal auf die Palme zu bringen, wenn seine Lehrer ihn wieder anriefen, weil er im Unterricht fehlte, aber die ganze Zeit im Regen stehen, wollte er dann auch nicht.
„Lasst mich endlich in Ruhe ihr Idioten.“
Manuel stellte die Musik aus, als er glaubte Janines Stimme zu hören. Vorsichtig warf einen Blick hinter dem Baum vor. Die beiden Typen drängten sie immer mehr von den anderen Schülern weg, in die Ecke hinein. Sie versuchte sich wegzudrehen.
„Was ist los? Bist voll langweilig.“
„Wenn ich so langweilig bin, dann könnt ihr ja abziehen.“
Einer der beiden schnappte sich ihre Arme und hielt sie fest. Der andere holte das Handy raus. „Erst mal´ n Foto. Dein Gesicht sieht so scheiße aus, das glaubt uns immer keiner.“
„Hey, ich hab gehört, dass es in bei denen voll wichtig ist, dass sie nen guten Ruf hat.“
Manuel presste die Lippen aufeinander.
„Lasst mich los!“
„Hast du schon nen Facebook Account? Wir können dir einen angelegen.“
Sie wandte sich in dem Griff hin und her. „Wagt es ja nicht.“
„Und was willst du dann machen?“
„Das werdet ihr lassen.“ Manuel kam hinter dem Baum hervor. Spion hin oder her. Das konnte es nicht tatenlos mit ansehen. Der Größere der beiden kam auf ihn zu.
„Was mischt du dich da ein?“ Er schubste Manuel zurück. Er hielt sein Gleichgewicht und richtete sich auf.
„Ich hab ´n Problem damit, wenn jemand meine Freundin anfasst.“
„Und ich hab ´n Problem damit, wenn mich jemand stört. Verpiss dich.“
Manuel konnte nicht mehr reagieren, als der Typ ihm mit einem ruckartigen Hacken hinter das Bein zu Fall brachte und dann in höhnisches Gelächter ausbrach. „Typisch für euch Typen, die den Zucker in den Arsch geblasen bekommen. Große Klappe, aber dann nix dahinter.“
Manuel rappelte sich auf. „Komm nur“, raunte er.
„Oh, Papis Liebling wird sauer.“
Falsche Antwort. Ganz falsche Antwort. Mit einem Mal entlud sich Manuels ganze Wut auf seine Eltern, die sich so lange aufgestaut hatte. Papis Liebling? Wann? Wo? Niemals. Bis jetzt nicht und auch in den nächsten 100 Jahren nicht. Manuel schlug zu. Traf seinem Gegenüber genau ins Gesicht. Der taumelte zurück. Die Lippe aufgeplatzt. Blut lief ihm aus der Nase. Erschrocken sah er Manuel an.
„Was ist? Angst bekommen?“, lachte Manuel.
„Sicher nicht.“ Der Typ stürmte auf ihn zu.
Manuel bekam die Treffer von ihm kaum mit. Zu sehr tobte die Wut in ihm. Nur leise, unterbrochen von den Rufen Janines. Warum glaubten eigentlich alle, dass es toll war, das Kind von irgendwelchen Managern zu sein? Janine ging es nicht anders als ihm. Ihre Eltern hatten auch wenig Zeit für sie. Ein Besuch im Zoo, Schwimmbad, Freizeitpark? Nein. Man musste ja auch am Wochenende immer einsatzbereit sein. Ein ungestörter Urlaub, wenn man ihn denn machte? Unmöglich. Zwingende Erreichbarkeit. Es drehte sich immer alles nur um die Arbeit, dass die Seele der Kinder darunter litt, dass schien den Eltern dabei egal zu sein. Warum setzten sie überhaupt Kinder in die Welt?
Erst als sich eine Hofaufsicht näherte, ließ der Kerl von Manuel ab, gemeinsam mit seinem Kumpel machte er sich aus dem Staub.
„Manuel, geht es dir gut?“ Janine rannte zu ihm.
„Geht schon. Und bei dir?“
Warum hatte sie Tränen in den Augen? Sie nickte, legte den Kopf an seine Brust. „Ja, dank dir.“
Er strich ihr über den Rücken. „Gut.“
Eine der beiden Hofaufsichten kam zu den beiden heran. „Sofort ins Lehrerzimmer!“
Manuel ließ Janine los. Sie schob sich zwischen den Lehrer und ihren Beschützer. „Er wollte mir nur helfen. Wirklich! Er kann nichts dafür. Bitte, bestrafen sie ihn nicht dafür.“
Die Aufsicht schüttelte den Kopf. „Er kommt mit. Ich habe schon mehrmals gesehen, was er für eine Wirkung auf Mädchen hat.“
„Dann will ich aber auch angehört werden.“
„Janine.“ Manuel legte ihr die Hand auf die Schulter. „Schon gut. Es ist besser für dich, wenn du dich nicht um mich kümmerst.“
„Aber.“
„Kein aber. Es ist in Ordnung.“
Er folgte dem Lehrer. Jetzt war er gespannt, was sein Vater dazu sagen würde, wenn er die Tochter eines Arbeitskollegen geholfen hatte.

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