Saitenwind – Gottestränen #9

Ihre Knie zitterten, als sie die Treppe hinunter ging. Yuma hatte die ganze Nacht nicht schlafen können, zu laut hatten ihrer Eltern sich gestritten. Was sie sich genau an den Kopf geworfen hatten, wusste sie nicht und sie war sich auch nicht sicher, ob sie es wissen wollte.
„Los, beeil dich“, forderte ihr Vater.
Yuma senkte den Blick und folgte ihm. Am liebsten wäre sie sofort wieder ins Bett gegangen und hätte sich die Decke über den Kopf gezogen. Eines der wenigen Worte, die sie verstanden hatte, war Kloster gewesen.
Eine warme Hand legte sich auf ihren Rücken. Ihre Mutter. Trotzdem wagte Yuma es nicht aufzuschauen und versuchte das Haar immer wieder vor das Gesicht zu schütteln. Ob sie in ihrem Zustand auch nur einen Ton herausbekam, wusste sie nicht. Aber sie hoffte sehr, dass ihre Stimme sie nicht im Stich ließ.
Sie wagte einen Blick auf den Rücken ihres Vaters und ihre Verzweiflung schlug für einen kurzen Moment in Wut um. Und in Unverständnis. Warum durfte sie nicht sein, wie normale Mädchen? Warum durfte sie keinen Spaß haben? Lag er falsch oder alle anderen? War ihre Weltauffassung falsch?
Sie betrat die Kirche und setzte sich neben ihre Mutter in die erste Reihe. Es war heute voller als sonst und fast schon glaubte sie, bei ihrem Vater ein zufriedenes Lächeln zu sehen. Nora kam mit dem Rest des Chors durch den Seiteneingang und nickte Yuma zu. Die Leiterin wirkte erleichtert. Als Pfarrer Roth durch die Reihe ging und auf die Kanzel stieg, verstummte das Gemurmel langsam.
„Liebe Gemeinde, ich möchte Sie heute zu einem ganz besonderen Gottesdienst begrüßen. Denn nicht ich werde es sein, der Sie durch diese Stunde geleiten wird. Heute gebe ich meinen Platz an den Chor ab.“
Yuma stand auf, sofort ergriff ihr Vater ihre Hand. „Du wirst hier bleiben“, zischte er.
„Nein. Das ist mein Leben.“ Sie riss sich los und sah die Wut in seinen Augen aufflackern. In der Kirche konnte er ihr keine Szene machen, wenn er nicht zu viel Aufmerksamkeit erregen wollte. Er wusste genau, wie die meisten anderen über ihn dachten und Yuma war sich sicher, dass die meisten hier auf ihrer Seite standen.
„Alles in Ordnung?“, flüsterte Annika.
„Frag mich das später.“
Nora stieg auf die Kanzel und begann die Geschichte rund um Deloris Van Cartier, die, um ihr Leben zu schützen, zu Schwester Mary Clarence werden musste. Die Mädchen gingen in der Zeit in Position. Yuma wurde schwindlig, als sie ganzen Menschen in der Kirche sah.
Ich muss einen Punkt fixieren und dann auf keinen Fall in die Menge schauen.
„Und jetzt gebe ich das Wort weiter an die Mädchen meines Chores. Wir beginnen mit Hail Holy Queen.“
Yuma atmete tief durch und ließ ihre Stimme mit den anderen erklingen. Sie sah nicht zu ihrem Vater, schloss sogar die Augen, um sich ganz auf den Gesang zu konzentrieren und je näher sie ihren Solopart kam, desto aufgeregter wurde sie.
Als der erste Teil abgeschlossen war und Nora ein Zeichen für das Musik-Play-back gab, schlug Yuma das Herz bis zum Hals. Sie wollte nicht zu ihren Eltern sehen, doch ihr Blick wanderte von allein zu ihnen. Ihre Mutter lächelte sie an und drückte beide Daumen ganz fest. Ihr Vater schäumte über seine Hilflosigkeit vor Wut. Sie würde die Hölle auf Erden erleben und der Weg ins Kloster war ihr bereits gewiss. Warum sollte Yuma sich jetzt noch zurückhalten, wenn sie doch nichts mehr zu verlieren hatte.
Sie genoss die Wut ihres Vaters. Wie er da saß, die steife Haltung und das ballen der Fäuste, als sie ihren Solopart sang. Für diesen Moment hatte sie die Oberhand. Er konnte nichts machen und es tat so wahnsinnig gut.
Bei dem zweiten Song, in dem sie einen Solopart hatte, kam sie mehr denn je aus sich heraus. Sie sah, dass es den Menschen dort unten gefiel. Yuma kam zu Nora nach vorne, richtete sich sogar an die Gemeinde. Das singen hatte ihr Selbstvertrauen gegeben. Sie konnte etwas. Sie stand im positiven Mittelpunkt. Man achtete sie für das, was sie war.
Doch kaum war der Chor fertig und Pfarrer Roth übernahm wieder das Wort, kehrten all ihre Zweifel zurück. Stumm setzte sie sich neben ihren Vater. Der warf ihr einen vernichtenden Blick zu.
„Das wird Konsequenzen haben, das schwöre ich dir.“
„Liebe Gemeinde, ich dank dem Chor für diese wunderbare Begleitung durch diesen Gottesdienst und möchte Sie hiermit verabschieden. Gott sei mit Ihnen.“
Sofort brach ein Gemurmel aus. Jacken wurden angezogen, die Mädchen des Chors noch einmal gelobt. Pfarrer Roth stieg von der Kanzel herab und ging zu Yuma.
„Du hast sehr gut gesungen. Ein Mädchen mit vielen Talenten.“
Sie lächelte. „Ich danke Ihnen.“
„Talent?“, schnaubte ihr Vater.
Der Pfarrer nickte. „Sie hat eine sehr gute Stimme und wenn man bedenkt, wie sehr sie sich in nur wenigen Wochen gesteigert hat, dann …“
„Jetzt ist es aber genug!“ Die barschen Worte hallten in der Kirche so laut, dass sich die letzten Verbliebenen umdrehten. „Sie haben mich hintergangen. Sie haben meine Tochter zur Sünde verführt. Ich hatte ihr verboten weiter in diesen Chor zu gehen, nachdem sie deswegen die Abendmesse verpasst hat.“ Er drehte sich zu seiner Frau um. „Du hast ihn verständigt, nicht wahr? Ihr steckt doch alle unter einer Decke!“
„Ja, das habe ich. Weil ich nicht mehr mit ansehen konnte, wie du das Leben unserer Tochter zerstörst“, sagte Frau Sander ruhig.
„Das ist doch wohl die Höhe!“
„Herr Sander! Dies ist ein Haus Gottes. Ich muss Sie doch wohl hoffentlich nicht daran erinnern, dass hier nicht herumgeschrien werden sollte.“
Yumas Augen weiteten sich. „Pfarrer Lang …“
„Ich denke, wir können alle in Ruhe miteinander sprechen. Kommen Sie bitte alle mit mir.“
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