Saitenwind – Gottestränen #8

„Ist das wirklich für mich?“, fragte Yuma mit großen, leuchtenden Augen.
Ihre Mutter nickte und schob ihre Tochter Richtung Treppe. „Los, anziehen!“
Yuma schloss die Tür hinter sich und warf einen zweiten Blick in die Tüte, die ihr ihre Mutter gegeben hatte. Als Erstes holte sie eine leicht ausgestellte weiße Jeans heraus. Das zweite Teil war ein langes bordeauxrotes Shirt mit Trompetenärmeln. Mit zitternden Händen zog Yuma die Sachen an, betrachtete sich erst einmal in der Spiegelung im Fenster und sah immer wieder an sich herunter. Ihre Wangen fingen an zu glühen. Es war das erste Mal, dass sie etwas Figurbetontes trug und sie gefiel sich. Endlich etwas anderes als die knielangen Röcke in grau und beige mit irgendwelchen Blusen, die ihrer Oma hätten gehören können.
„Yuma! Bist du fertig?“, kam es von unten.
„Ja!“
Frau Sander stand unten an der Treppe und nickte zufrieden. „Ich wusste schon immer, dass ich eine verdammt hübsche Tochter habe“, sagte sie.
Yuma konnte nicht anders, sie rannte die Stufen herunter, sprang ihrer Mutter in die Arme und drückte sie fest an sich. „Danke, Mama. Vielen Dank.“
„Gerne, meine Kleine und denk daran, Punkt 10 musst du wieder hier sein“, sagte sie ihre Mutter eindringlich und Yuma nickte.
„Ich werde da sein. Versprochen.“ Sie ging zur Tür, schaute noch einmal in den Spiegel und zwinkerte sich selbst zu.
„Yuma?“
Sie sah sich noch einmal zu ihrer Mutter um, die lächelnd in der Küchentür stand. „Viel Spaß, meine Süße.“
Yuma strahlte. „Danke, den werde ich haben!“ Dann machte sie sich auf den Weg zu Annikas Geburtstagsfeier. Herr Sander hatte ein Treffen mit einem seiner Bibelkreise und würde erst um Mitternacht zurück sein. Mit einem breiten Grinsen ging sie durch die Straßen. Es war das erste Mal, dass sie auf eine Party gehen konnte und sie würde es genießen.
„Wow! Yuma, bist du das?“ Annika musterte sie mit großen Augen.
„Sieht so aus.“
„Los, komm rein. Wir haben gerade angefangen, Singstar zu spielen. Das ist auf jeden Fall was für dich.“ Sie nahm ihre Freundin an die Hand und führte sie ins Wohnzimmer, wo bereits zwei andere Mädchen aus ihrer Klasse saßen. „Darf ich vorstellen, die neue Yuma.“
Die beiden drehten sich um.
„Cool! Ich hätte dich auf der Straße gar nicht erkannt.“
„Du solltest deine Haare öfter offen tragen!“
Yuma lächelte verlegen. Komplimente für ihr Aussehen war sie absolut nicht gewöhnt. „Ich werde mal sehen.“

Sie fühlte sich gut. Yuma glaubte das erste Mal richtig zu leben. Vollkommen entspannt spielte sie mit den anderen Singstar und zeigte, wie kräftig ihre Stimme sein konnte. Sogar Annikas Bruder Felix hatte ein anerkennendes Lächeln für sie übrig, als er kurz bei den Mädchen reinschaute, um dann in sein Zimmer zu verschwinden.
Um neun klingelte es an der Tür.
„Erwartest du noch jemanden?“, wollte Yuma wissen.
Annika zuckte mit den Schultern. „Eigentlich nicht. Zu laut waren wir auch nicht, die Nachbarn können es also nicht sein.“ Sie stand auf und ging in den Flur.
„Herr Sander?“
Yuma erstarrte. Das konnte nicht sein. Wenn Annika ihr einen Streich spielen wollte, war das absolut nicht lustig.
„Wo ist meine Tochter?“, donnerte die Stimme ihres Vaters bis ins Wohnzimmer. In einer mechanischen Bewegung erhob sie sich vom Boden. Im gleichen Moment stürmte Herr Sander ins Wohnzimmer. Er blieb an der Tür stehen, betrachtete die Szene, die sich ihm bot. Chips und Cola auf dem Tisch. Über den Bildschirm liefen noch die stumm geschalteten Karaoke Texte.
Yuma sah ihrem Vater an, dass in diesem Zimmer gleich die Hölle ausbrechen würde. Eine gespenstische Stille hatte sich über sie gelegt.
„Vater …“, Sie nahm all ihren Mut zusammen. „Bitte, nicht hier“, flehte sie, ohne wirklich einen Laut über ihre Lippen zu bekommen.
Am Ende des Flures ging die Tür von Felix Zimmer auf.
„Was fällt dir ein, mich so zu hintergehen?“ Herr Sanders Kopf lief rot an.
Sie schwieg. Yumas Welt, die noch so brüchig und erst wenige Tage alt war, zerbrach in tausend Scherben. Sie zwang sich an die glücklichen Momente in den letzten Wochen zu denken, auch wenn sich ein Kloß in ihrem Hals bildete.
„Und wie siehst du überhaupt aus?“ Er packte ihren Oberarm und wollte sie mit sich ziehen.
„Lassen Sie sofort Yuma los“, mischte sich Annika ein. Im gleichen Moment kam auch Felix dazu und versuchte sich zwischen Yuma und ihren Vater zu drängen. Doch statt seinen Griff zu lockern, bohrten sich seine Finger nur noch weiter in ihren Muskel.
„Vater, das tut weh.“ Tränen sammelten sich in ihren Augen. Mehr aus Verzweiflung als vor Schmerz.
Felix griff nach Herrn Sanders Hand. „Los lassen. Sofort.“
„Ich lasse mir nicht von irgendeinem verdorbenen Jugendlichen sagen, was ich zu tun habe!“
Die beiden anderen Mädchen waren nun auch aufgestanden und standen hinter Yuma.
„Wir haben nur meinen Geburtstag gefeiert, ich sehe da überhaupt kein Problem“, sagte Annika, für Temperament erstaunlich ruhig.
„Kein Problem?“ Er warf noch einmal einen Blick auf den Tisch. „Ihr verführt meine Tochter zur Sünde und das soll kein Problem sein. Yuma, du kommst mit.“
„Zur Sünde?“ Annika zog eine Augenbraue hoch.
„Es ist gut“, sagte Yuma leise. „Ich komme mit.“
„Das kann doch nicht dein Ernst sein!“, protestierte Annika.
„Felix, es ist in Ordnung. Bitte, lass ihn los.“
„Nein, das ist es nicht.“
„Doch und danke … Für alles.“ Mit gesenktem Kopf ging sie voraus.

„Was hast du dir dabei gedacht?“ Die Haustür war kaum ins Schloss gefallen, da hatte Herr Sander auch schon seine Stimme erhoben.
„Ich wollte auch mal ein normales Mädchen sein.“ Yuma wusste, dass sie schon verloren hatte. Gegen ihren Vater würde sie nicht ankommen. Aber ihr gewonnenes Selbstwertgefühl machte es ihr unmöglich, jetzt klein beizugeben.
„Normales Mädchen? Eine von diesen rauchenden und saufenden Jugendlichen?“
„Es hat weder jemand geraucht, noch haben wir Alkohol getrunken.“
„Noch nicht! Es reicht ja schon, wie du rumläufst.“
„Wie läuft sie denn rum?“ Frau Sander kam aus der Küche und legte eine Hand auf die Schulter ihrer Tochter. Die Unterstützung tat gut, aber sie wollte ihre Mutter da raus halten.
„Wie eine Dirne!“
Frau Sanders Augen blitzten „Jetzt reicht es aber! Was fällt dir ein, deine eigene Tochter als Prostituierte zu bezeichnen?“
„Weil sie auf einem Weg dort hin ist!“
Yumas Blick wanderte zwischen ihren Eltern hin und her. Bisher hatte ihre Mutter immer geschwiegen. Jetzt fing sie plötzlich an zu lachen. „Du spinnst doch. Nur weil sie mal etwas trägt, was zeigt, dass sie ein hübsches Mädchen ist und nur damit du weißt, die Sachen hat sie von mir.“
Herr Sander verschränkte die Arme. „Das hätte ich mir denken können. Dass du …“
„Stop. Yuma, geh auf dein Zimmer.“
„Mama …“
„Sofort.“
Sie schluckte und gehorchte. Auf der halben Treppe brüllte ihr Vater ihr hinterher. „Du wirst die Sachen ausziehen und an die Tür hängen, hast du verstanden?“
Yuma antwortete nicht. Tränen erstickten ihre Stimme. Sie rannte die Stufen rauf und drückte in ihrem Bett das Gesicht ins Kissen. Was hatte sie verbrochen? Sie wollte doch nur ein normales Leben.
Sie hörte die lauten Stimmen ihrer Eltern, hielt sich die Ohren zu. Verzweifelt versuchte sie an die schönen Momente des Abends denken. Aber es gelang ihr nicht.

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