Saitenwind – Gottestränen #7

„Wie geil ist das denn?“, krächzte Annika und bekam sofort einen giftigen Blick von Yuma.
„Du sollst nicht sprechen“, mahnte sie und legte ihre Bücher in den Spint.
„Komm schon, du weißt, dass ich meine Klappe nicht halten kann. Außerdem freue ich mich für dich. Endlich kann meine kleine Streberin, all ihren Hobbys nachgehen. Was hast du dir denn aus der Bücherei ausgeliehen?“
Yuma zog ein Buch aus der Tasche und Annika verzog das Gesicht. „Darwins Evolutionstheorie? Reicht dir das nicht, was wir in Bio machen.“
„Nein. Überhaupt nicht.“
Gemeinsam trotteten sie zum Chemieraum und setzten sich in die breiten Fensterbänke. „Sag mal, was willst du eigentlich mal werden?“, wollte Annika wissen.
Nachdenklich sah Yuma auf den Boden. „Biologin oder vielleicht auch Physikerin. Aber dazu brauche ich das Abi.“
„Soviel wie du lernst, schaffst du das doch locker.“
Sie setzte ein Lächeln auf. „Ja, du hast wohl recht.“
Ihr Chemielehrer kam die Treppe herauf und schloss den Raum auf. Noch immer in Gedanken setzte sich Yuma auf ihren Platz und ließ sich von seinen Monologen über die Klassenarbeit berieseln. Ihr Blick schweifte durch die Klasse. Richtig zuhören tat niemand.

„Ich kann verstehen, dass meinen Mitschülern langweilig ist“, sagte Yuma, als sie nach der Schule wieder im Gruppenraum der Kirche saß.
„Ach?“ Pfarrer Roth sah vom Bildschirm zu ihr herüber. „Wieso denn?“
„Sie können in ihrer Freizeit das tun, was ihnen Spaß macht. Wenn aber die gesamte Zeit außerhalb der Schule ohne irgendeine Freiheit ist, dann geht man gerne dorthin.“
Er klickte ein paar Mal mit der Maus und kam dann zu ihr. „Sag mal, wie sieht dein Tagesablauf eigentlich aus?“
„Nach der Schule? Ich gehe normalerweise nach Hause, esse etwas und versuche mich dann bis zur Abendmesse in meinem Zimmer zu verstecken. Nach den Hausaufgaben erwartet mein Vater, dass ich mich intensiv mit der Bibel oder anderen christlichen Texten auseinander setze.“
„Und deine Freunde? Triffst du dich gar nicht mit ihnen?“
Sie senkte den Kopf, starrte fest auf die Zahlen in ihrem Heft. „Nein. Mein Vater sagt, sie wären kein guter Umgang für mich. Meine einzige Freiheit war der Chor und auch dafür musste ich lange kämpfen.“
Er zog sich einen Stuhl heran. „Yuma, du machst mir wirklich ernsthafte Sorgen. Pfarrer Lang hatte mir schon einiges über deine Familie erzählt und gesagt, ich solle besonders auf dich ein Auge haben.“
„Pfarrer Lang? Wirklich?“
Herr Roth nickte leicht. „Er mag sicher konservativer sein als ich.“ Ein leichtes Schmunzeln wanderte über seine Lippen. „Aber so wie dein Vater ist er auf keinen Fall. Er hat mir erzählt, wie dein Vater zu ihm kam, als deine Mutter den Führerschein machen wollte.“
„Ja, Vater wollte nicht, dass sie ihn macht. In seinen Augen sind Frauen zu dumm, um überhaupt ein technisches Gerät zu bedienen. Sie müssten sehen, wie er hinter meiner Mutter her ist, wenn sie nur die Waschmaschine benutzen möchte.“
Er schluckte.
„Ich darf auch nur unter seiner Aufsicht an den PC. Wenn ich ein Referat am Computer schreiben muss, dann sagt er mir jeden Schritt an, den ich tun muss.“ Sie seufzte leise und schrieb ein paar Zahlen, bevor ihr Gehirn sie wieder löschte. „Er möchte auch, dass ich nach dem Hauptschulabschluss die Schule verlasse und auf eine Hauswirtschaftsschule gehe. In seinen Augen sind wir Frauen nur gut genug, um den Haushalt zu führen und Kinder großzuziehen.“
„Du hast einen stärkeren Charakter, als ich es dachte. Viele hätten sich dem hingegeben und stumm gehorcht oder wäre vollkommen ausgerastet. Aber du hast einen Mittelweg gefunden. Die Frage ist nur, wie lange wirst du das noch aushalten?“
„Ich habe derzeit keine andere Wahl, als es auszuhalten, bis ich vom Gesetz her volljährig bin. Dann muss ich so schnell wie möglich raus aus dem Ganzen. Obwohl es mir für meine Mutter leidtut. Dann ist sie ganz allein.“
Pfarrer Roth schüttelte den Kopf. „Nein, so geht das nicht weiter. Du bist noch so jung, wir müssen dafür sorgen, dass du etwas von deinem Leben hast. Ich werde mir Gedanken darüber machen.“
Yuma wollte am liebsten die Idee im Keim ersticken, aber ihr Herz ließ sie schweigen. Sie wünschte sich doch so sehr, ihren eigenen Weg gehen zu können.

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