Saitenwind – Gottestränen #6

„Herr Sander, ich bin hier, weil ich mit Ihnen über Yuma sprechen möchte. Sie war gestern nicht mit beim Gottesdienst.“
An Pfarrer Roth war ein Schauspieler verloren gegangen. Wenn Yuma es nicht besser gewusst hätte, würde sie jetzt nicht nur aus dramaturgischen Gründen die Hände kneten.
„Ja, das …“
Der Pfarrer schüttelte den Kopf, als Herr Sander versuchte, sich eine Erklärung abzuringen. „Wissen Sie, die Jugend ist heute vielen Verführungen ausgesetzt, auch wenn Sie noch so sehr auf Yuma aufpassen.“
Mit diesen Worten stieg er bei Yumas Vater um etliche Sympathiepunkte auf. Eifrig nickte Herr Sander.
„Ich möchte Ihnen für ihre Tochter folgendes anbieten. Sie wissen sicher von unserer Kindergruppe, der wir schon im Grundschulalter die Bibel nah bringen wollen. Yuma kann mir dabei zur Hand gehen, die Texte kindgerecht aufzuarbeiten. Dabei muss sie sich sehr intensiv damit beschäftigen und wirklich verstanden haben, damit sie auch korrekt vermittelt werden. Das wird Yuma sicher wieder auf den richtigen Weg bringen.“
Herr Sanders Augen fingen an zu leuchten. „Ja, das ist eine hervorragende Idee.“ Dann warf er einen mahnenden Blick zu Yuma. „Sie wird Ihnen jede Unterstützung geben, die Sie brauchen. Rufen Sie nur jederzeit an.“
Pfarrer Roth nickte. „Das werde ich. Herr Sander, Sie sind wirklich ein ausgesprochen vorbildliches Mitglied unserer Gemeinde.“
Jetzt muss er aber langsam aufhören, sonst rutscht er auf der Schleimspur aus, grinste Yuma innerlich vor sich hin.
Der Pfarrer stand auf und gab ihrem Vater die Hand. „Ich denke, wir beginnen gleich morgen mit der Arbeit. Yuma, ich erwarte dich nach der Schule in der Kirche.“
Sie nickte und zwang sich zu einem neutralen Gesichtsausdruck.
Kaum hatte Herr Sander die Tür hinter dem Pfarrer geschlossen, nahm er sich seine Tochter vor. „Ich warne dich, arbeite mit oder du erlebst dein blaues Wunder. Hast du das verstanden?“
Wieder nickte sie nur. Und wie sie mitarbeiten würde.

„Hallo? Pfarrer Roth?” Yuma betrat die Kirche. Es war ein seltsames Gefühl allein in dem Gebäude zu stehen, das sie sonst nur während der Gottesdienste kannte. Auf der Empore stand noch das Mikrofon, aber Nora hatte gesagt, dass sie ohne singen sollten.
„Ob meine Stimme das hergibt?“, murmelte Yuma und sah die hohen Wände hinauf. „Ich sollte es herausfinden.“ Entschlossen stieg sie die Stufen zur Empore hinauf. Dort schloss sie die Augen, versuchte sich vorzustellen, wie zumindest die ersten drei Reihen besetzt waren, und fing an zu singen.
„I will follow Him
Follow Him wherever He may go,
And near Him, I always will be
For nothing can keep me away,
He is my destiny.”
Vom anderen Ende der Kirche hörte sie jemanden applaudieren. „Deine Stimme ist kräftig. Ich muss zugeben, das hätte ich gar nicht erwartet.“
Yumas Herz setzte für einen Moment aus, als sie den Pfarrer sah. Sofort eilte sie die Stufen wieder herunter. „Entschuldigung, ich wollte nicht …“
„Was wolltest du nicht? Du bist in der Kirche und singst für den Herrn. Ich sehe da kein Problem.“
Ein roter Schleier legte sich auf ihre Wangen. „Danke.“
„Komm, gehen wir in den Gruppenraum. Deine Mutter hat mir erzählt, dass du gerne Musik auf YouTube einstellen möchtest.“
„Hat sie Ihnen meine Lebensgeschichte erzählt?“
Er lachte und schüttelte den Kopf. „Nein, bei deiner Geburt hat sie aufgehört.“
„Na dann …“
„Ich halte es noch nicht für sinnvoll, wenn du jetzt schon etwas von dir online stellen würdest. Versteh mich bitte nicht falsch, du kannst wirklich gut singen, aber du bist auch sehr schüchtern.“ Er schloss die Tür zum Gruppenraum auf. „Ich kenne die Kommentare dort und man braucht wirklich ein dickes Fell. Ich will dich sicher nicht davon abhalten, aber bitte denk darüber nach.“
„Ich habe mir darüber noch gar keine Gedanken gemacht. Aber Sie haben recht, wahrscheinlich bin ich dafür noch nicht weit genug.“
Er nickte zufrieden. „Du kannst jetzt erst einmal in aller Ruhe deine Hausaufgaben machen. Wenn du den Computer brauchst, der steht dir zur Verfügung. Auch für deine anderen Sachen.“ Er zwinkerte ihr zu.

Am Abend lag Yuma zufrieden in ihrem Bett. Sie war bei der Chorprobe gewesen und hatte sich eine Stunde lang mit ihrer geliebten Astronomie beschäftigt. Wenn es nach ihr ginge, könnte jeder Tag so gehen. Pfarrer Roth hatte ihr versprochen, sich für sie einzusetzen und sie solle sich keine Sorgen machen, wenn sie in drei Wochen beim Gottesdienst mit dem Chor auftrat. Spätestens dann würde ihr Vater mitbekommen, dass man ihn hintergangen hatte. Zumindest was das Singen anging. Yuma hatte schließlich wirklich geholfen, die Texte kindgerecht zu machen.
Mein Glück kann nicht ewig gehen und ich werde es genießen, solange ich es kann.

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