Saitenwind – Gottestränen #5

Yuma drückte ihr Gesicht ins Kissen. Tränen tränkten den Bezug. Sie hatte doch gerade ein bisschen Selbstbewusstsein gefunden. Wie konnte ihr Vater ihr jetzt nur den Boden unter den Füßen wegreißen?
Sie drehte sich auf den Rücken, krallte ihre Finger in die Bettdecke. Ihre Augen brannten und noch immer rannen heiße Tränen ihre Wangen herunter. Yuma drehte den Kopf zum Fenster, sah verschwommen die Sterne.
Ist das die Strafe, weil ich neidisch auf Annika war und mich sogar gefreut habe, jetzt ihren Platz einzunehmen?

Als sie am nächsten Morgen lautstark von ihrem Wecker aus dem unruhigen Schlaf gerissen wurde, fühlte sie sich wie gerädert. Mit zitternden Knien stand sie auf und öffnete so leise wie sie konnte ihre Tür. Sie hörte ihren Vater auf dem Flur und hockte sich hin. Wenn es ihr irgendwie möglich war, wollte sie ihm heute aus dem Weg gehen. Und am besten auch noch die ganze nächste Woche. Oder gleich den Rest ihres Lebens.
Erst als die Haustür ins Schloss fiel, stieg sie die Treppe herunter und verschwand sofort ins Bad.
Sie sah in den Spiegel und hängte sofort ein Handtuch darüber. Ein Monster hatte sie aus verquollenen Augen angeschaut. Sie stellte die Dusche an und ließ sich warmes Wasser über ihren Körper laufen. Je wacher sie wurde, desto lauter schrien die Erinnerungen in ihrem Kopf. Wieder bildete sich ein Kloß in ihrem Hals und sie sank auf die Knie.
Yuma wusste nicht wohin mit ihrer Verzweiflung und ihrer Wut.
Erst als das warme Wasser aus dem Boiler aufgebraucht war, drehte sie die Dusche ab und ging langsam in die Küche.
„Schatz, du siehst ja fürchterlich aus.“
Yuma schwieg. Es war das Beste für heute.
Schützend legten sich die Arme ihrer Mutter um sie. „Es tut mir leid, meine Kleine. Ich weiß, wie viel dir das Singen bedeutet.“ Frau Sander streichelte ihrer Tochter über den Hinterkopf und drückte sie liebevoll an sich.
„Ich werde dich heute krankmelden. Dann kannst du dich erst einmal beruhigen.“
Yuma nickte. Sich in ihrem Zimmer zu verkriechen, war vielleicht nicht die beste Ablenkung, aber in der Schule würde sie auch nichts mitbekommen.
„Dann leg dich noch mal hin, und wenn du wieder denken kannst, überlegen wir uns, wie du doch noch singen kannst.“

Sie folgte dem Vorschlag ihrer Mutter. Aber schlafen konnte sie nicht. Zu oft fiel ihr Blick auf das Keyboard auf dem Schreibtisch und schließlich stand sie auf. Yuma setzte sich die Kopfhörer auf und spielte „Hail Holy Queen“. Sie dachte an ihr Vorbild und schloss die Augen. Wieder liefen die Tränen, ihre Stimme zitterte. Am Anfang glich ihr Gesang nur einem Wimmern, doch dann gewann sie an Kraft. Mit jedem neuen Ton, mit jeder Note, die sie spielte, hatte sie das Gefühl eine Hand würde sich stärkend auf ihre Schulter legen.
Und dann kam sie zu ihrem eigenen Song. Vor ihrem geistigen Auge sah sie den Adler über den Wellen. Sie ließ sich von ihrer Vorstellungskraft tragen, fühlte sich leicht.
„Du hast wirklich eine wunderbare Stimme. Noras Entscheidung war absolut richtig.“
Yuma fuhr zusammen. „Pfarrer Roth!“
„Entschuldige, dass ich nicht angeklopft habe, aber ich wollte dich nicht unterbrechen. Das war sehr unfreundlich von mir.“
„Das ..“, sie schluckte, „Das ist schon in Ordnung.“
„Darf ich mich setzen? Ich würde gerne mit dir sprechen.“
Sie nickte und der Pfarrer nahm auf dem Bett Platz. Es war das erste Mal, dass sie ihn ohne seinen Talar sah und sie hätte ihn in Jeans und T-Shirt auf der Straße vielleicht gar nicht wahrgenommen.
„Deine Mutter hat mir erzählt, was gestern passiert ist.“
Sie wich seinem mitleidigen Blick aus. „Wenn Sie vorhaben, mit ihm zu reden, dann lassen Sie es bitte.“
Er schüttelte unter einem leichten Lächeln den Kopf. „Das hatte ich auch nicht so vor, wie du dir das vielleicht vorstellst. Dein Lied …“ Eine deutete auf das Keyboard. „Du bist wirklich sehr neugierig.“
„Ja. Ich …“ Sie biss sich auf die Lippen.
„Sprich nur weiter. Von mir hast du keine Standpauke zu befürchten.“
Yuma atmete tief durch. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass die Bibel das einzige Buch ist, das die Wahrheit sagt. Die Menschen wussten es damals einfach noch nicht besser und wie die heutigen Wissenschaftler, haben sie nach Antworten gesucht. Das, was darin steht, reicht mir nicht. Ich will mehr wissen. Ich will die Welt verstehen und sehen, wie alles funktioniert. Ich liebe Chemie, Physik und Astronomie. Haben Sie schon mal die Bilder von Hubbel gesehen? Die Weiten des Alls faszinieren mich so sehr.“ Sie senkte den Kopf. „Aber Vater ist gegen alles, was mit Naturwissenschaften zu tun hat.“ Nach einer kurzen Pause, in der Pfarrer Roth nichts sagte, fügte sie hinzu: „Außerdem ist er der Meinung, dass Frauen keine großartige Bildung brauchen, weil wir nur dazu taugen den Haushalt zu führen und Kinder erst zu bekommen und dann zu hüten.“
Der Pfarrer schluckte. „Mein Gefühl war also richtig. In Ordnung. Nein, eigentlich ist es nicht in Ordnung. Eine Frage muss ich dir noch stellen, züchtigt er dich? Oder deine Mutter?“
„Nein.“
Erleichtert legte der junge Pfarrer seine Arme auf den Oberschenkeln ab. „Gut. Sonst hätte ich die Polizei einschalten müssen.“
„Sagen Sie, bin ich eine schlechte Christin?“
„Fühlst du dich denn wie eine?“
„Das weiß ich ja nicht. Ich glaube an Gott. Ich bete. Aber ich liebe eben auch die Naturwissenschaften.“ Nachdenklich sah sie zum Fenster. „Ich habe meine eigene Theorie.“
„Diese wäre?“
„Wir können alles zurückberechnen, bis zum Urknall. Was davor war, wissen wir aber nicht. Laut der Bibel hat Gott den Himmel ebenfalls geschaffen und der Himmel ist in gewisser Weise das All.“
Herr Roth grinste leicht. „Yuma, du bist wirklich ein sehr intelligentes Mädchen. Behalte deinen Wissensdrang, du bist deswegen keine schlechte Christin und jetzt werden wir uns einen Plan überlegen, wie wir dir am besten helfen können.“

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