Saitenwind – Regentrommelschläge #11

„Die Narbe sieht gut aus, du kannst dann heute nach Hause und in 12 Tagen ziehen wir dann die Fäden“, sagte der Arzt und klebte ein frisches Pflaster auf Sammys Stirn. „Ich werde deine Mutter anrufen, damit sie dich abholt.“ An der Tür blieb er stehen, schon mit der Klinke in der Hand, sah er sich zu Sammy um. „Oder lieber dein Bruder?“
„Lieber ja, aber bitte meine Mutter.“
Am liebsten wäre er gleich komplett zu Francis gezogen. Herr Maler hatte heute Morgen ein Gespräch mit Frau Clerent. Schon im Vorfeld hatten sie sich darauf geeinigt, dass Sammy an dieser Schule nicht bleiben konnte, und wollten gemeinsam nach der besten Alternative suchen. Für die restlichen drei Wochen war Sammy vom Unterricht befreit wurden und der Rektor hatte allgemeine Konsequenzen angekündigt, damit sich so etwas an seiner Schule nicht mehr wiederholte. Reden konnte der Mann gut.
Mit vorsichtigen Bewegungen machte sich Sammy daran, seine Sachen zu packen. Kaum hatte er den Reißverschluss seiner Tasche zugezogen, stand seine Mutter in der Tür. Aus rot umlaufenden, geschwollenen Augen sah sie ihn an. Einige Haare standen krauselig vom Kopf ab und sie knetet ihre Hände.
„Mama?“ Irgendwie tat sie ihm leid.
Wortlos kam sie auf ihn zu und hielt ihm einen Flyer hin.
Wenn sie mir jetzt auch noch mit diesem dämlichen Mathekurs an der Uni ankommt, dann war es das mit dem Mitleid, dachte Sammy und weitete die Augen, als er den ersten Absatz des Flyers las.Friedrich Schiller – Internat 
Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, in kleinen Klassen jedem Schüler eine individuelle Betreuung zu geben. Mitten im Bayrischen Wald finden unsere Schüler die nötige Ruhe, um sich ganz auf ihre persönliche Entwickelung zu konzentrieren. Wir fördern die Stärken und Interessen ihres Kindes. 
So richtig wusste Sammy nichts damit anzufangen. Der Gedanke von seiner Mutter wegzukommen und einen kompletten Neuanfang zu machen, klang verlockend. Mit wachsendem Interesse betrachtete er die Bilder, las sich das Angebot der AGs durch. Fußball, Schwimmen, Badminton, Leichtathletik, allerlei Kunstrichtungen und als Letztes wurde auch eine Schulband erwähnt.
„Herr Maler hat sich mit dem Rektor in Verbindung gesetzt. Als er ihm erzählte, dass du der begabteste Schüler der ganzen Schule bist und regelmäßig Auszeichnungen bekommst, war er bereit, dir ein Stipendium zu geben.“
Sammy hob langsam den Kopf. Jetzt fing es langsam an, einen Sinn zu machen. Er hatte sich schon gefragt, wie seine Eltern das finanzieren wollten.
„Es gibt dort auch eine Fördergruppe für Hochbegabte und die Lehrer sind darauf ausgebildet, sich um Jugendliche wie dich zu kümmern.“ Nur zögerlich kamen ihr die Worte über die Lippen und Sammy sah, dass seine Mutter den Tränen nah war.
„Samuel, du weißt, dass ich dich nur ungern gehen lassen, aber Herr Maler ist der Meinung, es sei das beste. Für uns beide.“
Sammy nickte. „Ja, das glaube ich auch.“
Frau Clerent schluckte. „Du möchtest also dort hin?“
Wenn es nicht mit dieser wahnsinnig weiten Entfernung zu Francis verbunden gewesen wäre, hätte er wohl schneller geantwortet. So brachte er nur ein verzögertes, aber dennoch lautes „Ja“ heraus.
„Ich verstehe, dann rufe ich den Rektor an.“ Frau Clerent zog ihren Sohn an sich. Sein Körper beschwerte sich heftig gegen diese Zuneigung, aber Sammy sagte nichts. Für sie war diese Entscheidung härter als für ihn.
Für ihn konnte es der Befreiungsschlaf sein, nach dem sich gesehnt hatte. Keine Kontrolle mehr durch seine Mutter. Vielleicht durfte er dann endlich ein ganz normaler Teenager werden.
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