Saitenwind – Regentrommelschläge #10

„Du hast wirklich Glück gehabt.“ Der Arzt betrachtete das Röntgenbild in dem Leuchtkasten. „Zwei Rippenbrüche, ein paar Platzwunden und nun gut, die Prellungen werden dich auch eine Weile verfolgen.“ Er legte die Hände auf den Rücken. „Samuel, ich würde dir gerne einen Psychologen zur Seite stellen.“
„Nein.“
Der Arzt zog die Augenbraue hoch. „Bist du sicher? Was du erlebt hast, wird nicht einfach zu verarbeiten sein.“
Er klopfte an der Tür und ohne auf eine Antwort zu warten, stürmte seine Mutter in den Raum. „Samuel, es tut mir leid!“, rief sie außer Atem. „Die Straßen waren so voll, ich bin einfach nicht durchgekommen. Wie geht es dir? Dein Lehrer hat mir am Telefon kurz erzählt, was passiert ist. Warum hast du denn nie etwas gesagt? Ich hätte dir doch …“
Sammy sah zur Seite, als sie ein paar Strähnen aus seiner Stirn wischte, um das Pflaster zu betrachten.
„Schatz, so rede doch endlich.“
„Es gibt nichts zu reden.“
Der Arzt räusperte sich und musterte Frau Clerent flüchtig. „Bist du sicher, dass du keinen Psychologen möchtest?“
„Ja“, antwortete Sammy.
„Natürlich möchtest du das! Wenn der Arzt es dir anbietet, wird es notwendig sein.“
„Nein, ich brauche das nicht.“
„Und ob du das brauchst.“
„Nein, verdammt noch mal!“ Erschrocken über die Kraft in seiner Stimme, zuckte er selbst etwas zusammen, was ihm seine Rippe sofort übel nahm. „Was soll der mir sagen, was ich nicht schon weiß?“
Wieder klopfte es an der Tür. Diesmal waren es Francis und Leander.
„Was hast du denn hier verloren?“, fauchte Frau Clerent. „Ich habe dir doch verboten, Samuel zu sehen.“
Sofort bauten sich Mutter und Sohn voreinander auf.
„Wie geht es dir?“, fragte Leander und setzte sich zu Sammy ans Bett.
„Beschissen.“
„Wenn es dir so geht, wie du aussiehst, dann war das untertrieben.“
Sammy rang sich seinem Schutzengel zuliebe ein Lächeln ab, bei dem seine Lippe wieder aufplatzte. „Danke, du bist grad noch rechtzeitig gekommen.“
„Keine Sache. Jederzeit wieder.“
„Woher willst du denn wissen, was gut für Sammy ist?“
„Weil ich seine Mutter bin.“
„Du hast das 14 Jahre lang nicht hinbekommen.“
„Was fällt dir ein, so mit mir zu reden?“
„Anders kapierst du es ja nicht. Du hast ja noch nicht mal verstanden, dass er lieber Sammy genannt werden will.“
„Was?“
„Genau das meine ich.“
Sammy zog die Beine an den Körper und legte verzweifelt die Stirn vorsichtig auf den Knien ab. Wie er diese ewige Diskussion leid war. Jedes Mal, wenn die beiden aufeinander trafen, flogen nach wenigen Sekunden die Fetzen. Zwar hatte sich mit der Zeit der Schwerpunkt von Francis war faul und sollte endlich etwas aus seinem Leben machen zu Was war gut für Sammy verlagert, aber der Ton war gleich geblieben.
„Hey! Muss das Gekeife hier drinnen sein? Sam hat echt nen miesen Tag hinter sich und er könnte jetzt Ruhe vertragen.“
„Der junge Mann hier hat absolut recht“, wurde Leander von dem Arzt unterstützt, woraufhin die beiden Streithähne schwiegen.
Sammy hob den Kopf und nickte Leander, mit einem dankbaren Lächeln in den Augen, zu. „Ich würde gerne schlafen“, sagte er leise.
„Ja, natürlich mein Schatz.“ Frau Clerent ließ von Francis ab und setzte sich zu Sammy ans Bett. Ihrem älteren Sohn versuchte sie mit einem giftigen Blick klarzumachen, dass er gehen sollte.
„Mama, ich möchte allein sein.“
„Aber …“
„Machen sie sich keine Sorgen, Frau Clerent. Ihr Sohn ist bei uns in guten Händen. Ich werde regelmäßig nach ihm sehen lassen.“
Leander zog sein Handy aus der Tasche und legte es Sammy auf den Nachtisch. „Ich lasse es ihm hier. Wenn etwas ist, kann er Sie anrufen.“
Unbemerkt von Sammys Mutter zwinkerte Leander ihm zu.
Warum ist Leander eigentlich der Einzige hier, der mich versteht? 
„Na gut. Aber ich gehe wirklich nicht gerne.“
„Glauben Sie mir, es ist besser für ihn. Er muss das Erlebte verdauen und dafür sollte er alle Ruhe haben. Akzeptieren Sie bitte den Wunsch ihres Sohnes.“
Zögernd stand Frau Clerent auf und ging zur Tür. Mit einem letzten schmerzlichen Blick verließ sie endlich das Zimmer.
„Dann gehen wir auch mal, wenn du reden magst, scheu dich nicht anzurufen“, sagte Leander.
Nur widerwillig ließ sich Francis von seinem Bandkollegen aus dem Zimmer schieben, gefolgt von dem Arzt, der immer noch mit dem Kopf schüttelte.
Endlich allein. 
Es war keine Müdigkeit, die ihn übermannte. Es war vielmehr Erschöpfung. Er ließ sich zurück auf die Matratze sinken. Langsam fielen ihm die Augen zu und er sank in einen traumlosen Schlaf.

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