Saitenwind – Regentrommelschläge #3

Sie standen vor ihm. Alle fünf hatten sie dieses Grinsen im Gesicht, das für Sammy nur das Schlimmste bereithielt.
„Na, Samuel?“ Mike stützte die Arme an die Wand und beugte sich über ihn. „Hat es dir gefallen, im Mittelpunkt zu stehen?“
Er schüttelte den Kopf. Seine Stimme kauerte sich in einer Ecke zusammen.
Mikes Gesicht kam näher an seines. Viel zu nah, für Sammys empfinden. „Hat es nicht? Gib es zu. Du legst gerne bei den Lehrern ne Schleimspur. Stehst´e drauf.“
Hämisches Lachen kam aus dem Hintergrund.
Lasst mich in Ruhe … Nur Gedanken. Keine Worte, mit denen er sich verteidigen konnte. Seine grünen Augen zitterten in ihren Höhlen. Das Kaninchen saß in der Falle und der Fuchs würde sich einen Spaß mit ihm machen, bevor er es zerfleischte.
„Was …“, kaum mehr als ein stimmloses Hauchen brachte er noch zustanden. „Was wollt ihr von mir?“
Mike stieß sich von der Wand ab. „Nichts was dir schwerfallen würde.“
Sammy war sich nicht sicher, ob ihm das Mut oder noch mehr Angst machen sollte.
Mike griff in seinen Rücksack und warf Sammy einen Stapel Zettel vor die Nase. „Heb´s auf!“
Er gehorchte.
„Du schreibst mein Referat.“
Aus den ersten Zeilen der Materialien konnte Sammy schließen, dass es sich dabei um Geschichte handelte. Klar. Mike stand in fast alle Fächern auf fünf und es ging in schnellen Schritten auf die Sommerferien zu.
„Bisschen Geschichte, Erdkunde und Politik. Muss ich Freitag abgeben.“
„Freitag?“
Mike schlug dem Jungen auf Schulter. „Ich weiß, dass du das kannst. Freitag will ich die fertigen Referate haben oder deine Mami kann dich vom Fußboden aufkratzen.“
Das hauchdünne Glas, das seine Seele schütze, riss.
Mike drehte sich um und verließ mit seinem Gefolge den Raum. Vom Flur aus konnte Sammy die Pausenglocke hören. Er musste sich beeilen, um pünktlich zum nächsten Unterricht zu kommen. Er setzte einen Fuß nach vorne und schlug nur einen Sekundenbruchteil später auf den Knien auf. Die Zettel fielen ihm aus der Hand und breiteten sich, wie ein Teppich, auf dem gesamten Fußboden aus.
Er stützte sich mit den flachen Händen auf dem Boden ab. Die erste Träne fiel. Dann eine Weitere. Seine Lippen bebten, in seinen Augen sammelte sich ein salziger See. Er kämpfte dagegen an. Jungs weinten nicht. Jungs mussten stark sein. Sie durften keine Schwäche zeigen. Die Verzweiflung zerrte an ihm. Er fühlte sich wie eine Wasserflasche, die man zu lange geschüttelt hatte.
Ich will hier weg! Ich halte das nicht aus!
Er sprang auf, nahm seine Tasche und rannte. Sammy musste diesen furchtbaren Druck loswerden. Die Fluren leerten sich bereits und der Lehrer würde fragen, wo sein geliebter Musterschüler blieb. Aber heute würde er nicht kommen und den Unterricht mit seinem Wissen bereichern.
Sammy trat hinaus in den Regen.
Heute würden die Anderen allein arbeiten müssen.
Sammy ließ das Schultor hinter sich. Wenn er Glück hatte, kam der Bus etwas zu spät.
Heute würde der Lehrer seine Lobeshymnen über jemand anderes schütten müssen.
Sammy sah, wie der Bus auf die Haltestelle zu fuhr und sprang, kurz bevor sich die Türen schlossen, hinein. Eine Viertelstunde, dann war er an dem Ort, wo er ganz er selbst sein durfte.

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