Saitenwind – Regentrommelschläge #2

Der Regen lief in Bächen die Scheibe herunter und es waren noch wenige Minuten bis zur zweiten großen Pause. Sammys Herz begann, zu stolpern. Im Unterricht hatte er Ruhe gefunden. Da waren sie still. Bis auf ein paar Blicke und deswegen würde er seine Haare niemals kurz schneiden lassen. Sie waren seine Mauer.
Warum hört das nicht auf? Die Klos sind immer so voll in der Regenpause, dachte er mit einem Blick zu den grauen Wolken.
Der Minutenzeiger raste über das Ziffernblatt der Wanduhr, und als der Lehrer noch dabei war die Hausaufgaben in kryptischen Buchstaben an die Tafel zu schreiben, klingelte es. Der erste Angstschweiß legte sich dünn auf Sammys Stirn.
Mit einem flehenden Blick sah er zu seinem Mathelehrer. Haben Sie nicht etwas, was ich noch für Sie tun könnte? Etwas mit runtertragen oder im Lehrerzimmer sortieren helfen? 
„Samuel? Hast du noch eine Frage?“
Das Gemurmel in der Klasse legte sich einen Moment und wieder stand er im Mittelpunkt.
Du wirst ja wohl nicht noch was haben?
Du wirst die Klappe halten!
Wir haben Pause!
Dämlicher Streber!
Die Gesichter seiner Mitschüler sprachen Bände. Sammy verstand und schüttelte den Kopf.
Ein paar Mädchen sahen ihn mitleidsvoll an. Nicht unbedingt das, was er wollte. Trotzdem tat es gut zu wissen, dass er noch gesehen wurde. Helfen würden ihm niemand, denn wer wollte schon freiwillig an seine Stelle treten?

Er versuchte, in der Masse unterzugehen. Wollte ein Teil von ihr sein. Nicht nur jetzt, wenn er sich in ihr versteckte.
Die erste Pause hing ihm noch im Nacken und es war ihm nicht danach, dies zu wiederholen. Sein Weg sollte ihn zum Lehrerzimmer führen. Er hasste es, sich auf diese Art zu schützen, bestätigte sie doch nur, was die anderen sowieso schon von ihm annahmen. Lehrers Liebling tat alles, um sich einzuschleimen. Aber er hatte nicht mehr die Kraft sich seinen Klassenkameraden noch einmal zu stellen. Als er um eine Ecke bog, packte ihn jemand an der Schulter und drehte ihn um 180°. Der Angstschweiß lief ihm in Niagara-fallartigen Strömen den Körper herunter. Vor ihm stand Mike. Der Anführer der Gang und mindestens einen Kopf größer als er selbst.
„Komm mit, wäre besser für dich.“
Sammy konnte die kleine Frau Schneider sehen, die keine drei Meter neben ihm die Pausenaufsicht führte. Er musste nur ihren Namen rufen. Nur zwei Worten. Nur drei Silben. Dann konnte alles vorbei sein. Doch es kam nichts über seine Lippen und er folgte Mike. Seine Schultern bis zu den Ohren hochgezogen und mit einem Herzen, dessen Schläge unzählbar waren.

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